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transmediale 2013 im Haus der Kulturen der Welt

Transmediale_Gatekeeper_04_c_TaborRobak_HipposInTanks2012Der ständige Zugang zu einer schier unbegrenzten Datenmenge, weltumspannende Kommunikation und das Verschwinden von räumlicher und zeitlicher Ordnung zugunsten des ständigen Online-Daseins. Dies sind vielleicht nicht alle, aber mit Sicherheit einige wesentliche Merkmale einer immer weiter voranschreitenden Durchdringung des Alltags durch digitale Technologien. Sie läuten ein Ende der Übersichtlichkeit ein, eine immer schneller werdende und überall und gleichzeitig stattfindende Entwicklung. Gepaart mit der diffusen Angst vor einem wirtschaftlichen Kollaps, religiösem Extremismus und der Klimakatastrophe kristallisiert sich daraus die kulturelle Grundstimmung des frühen 21. Jahrhunderts.

Eben dieser globalen Grundstimmung stellt sich die transmediale, ein Festival, das längst zu einem Think Tank gereift ist und in dem sich Künstler, Wissenschaftler, Softwareentwickler, Theoretiker, Hacker, Designer, Tüftler und Aktivisten interdisziplinär austauschen. Politische Ideen, neueste Technologie, künstlerische Positionen und subversive Strategien durchdringen hier einander, befruchten und überlagern sich, um am Ende ein kritisches Verständnis der gegenwärtigen von Medientechnologien geprägten Situation zu ermöglichen. Um sich der Gegenwart anzunähern, blickt Kristoffer Gansing, der junge schwedische Kurator,  der seit 2012 die transmediale leitet, in die Vergangenheit, in eine Zeit als Pluto noch ein Planet war. Die Abkürzung BWPWAP steht für das diesjährige Motto des Festivals „Back When Pluto Was A Planet“. Der Begriff entstammt dem Internetjargon, er beschreibt Dinge, die sich vor Kurzem rasant verändert haben und verweist ganz allgemein auf bessere, weil einfachere Zeiten. Zum Hintergrund: Pluto, einst der neunte Planet unseres Sonnensystems, verlor 2006 bei einer Konferenz der International Astronomical Union seinen Planetenstatus. Seitdem wird er, zum Ärger vieler Hobby-Astronomen, offiziell als Zwergplanet geführt, womit das Sonnensystem wieder aus acht Planeten besteht wie vor Plutos Entdeckung im Jahre 1930.
Ein Blick zurück ist unumwunden auch ein nostalgischer Blick, was derzeit selbst bei einem zukunftsorientierten Festival wie der transmediale kaum verwundern dürfte, ist die Nostalgie schließlich eine Hauptantriebskraft der globalen Kulturproduktion. Der Poptheoretiker Simon Reynolds analysierte das Phänomen hinlänglich in seinem viel besprochenen Buch „Retromania“. Er kam zu dem Schluss, dass die Fetischisierung der Vergangenheit in der Musik ebenso wie in Film oder Fernsehen, die sich in Revivals, Retro-Moden und Reenactments äußert, allesamt Facetten einer nostalgischen Sehnsucht nach einem vermeintlichen „Goldenen Zeitalter“, einen ungeheuren Einfluss auf die Gegenwart hat. In diesem Fahrwasser, wenn auch in benachbarten Gefilden der Medientheorie und Kunst, bewegt sich konzeptuell das BWPWAP-Programm.

Manchmal muss man ein Stück zurückgehen, um klare Sicht nach vorn zu bekommen. Rückwärts in die Zukunft! Diesen Ansatz illustrieren etwa die retrofuturistischen Performances von Musikern und Künstlern wie Felix Kubin, Vanessa Ramos-Velasquez und A Guy Called Gerald oder die Begegnung mit dem legendären Regisseur Alejandro Jodorowsky, der über sein Science-Fiction-Projekt „L’Incal“ referieren wird, das er in den 1970er-Jahren mit dem Comiczeichner Moebius konzipierte. BWPWAP bietet einen temporären Freiraum, in dem Bestehendes neu gedacht und zurückliegende Vergangenheiten, Ideen und Orte neu inszeniert werden. Die Erkenntnisse werden dann entlang der vier Themenstränge „Users“, „Networks“, „Paper“ und „Desire“ erörtert und sollen nach Möglichkeit eine Anwendung auf Gegenwart und Zukunft finden.

In Gesprächsrunden und Vorträgen, die den Konferenzteil bilden, untersuchen unter anderen die russische Netzkünstlerin Olia Lialina und der schwedische Performer und avantgardistische Dichter Pär Thörn das Individuum und seine Organisation im Netzwerk. In den Segmenten „User“ und „Network“ kommt das Konzept der postdigitalen Ära zum Tragen. Der anfangs auf die elek­tronische Musik beschränkte Begriff, bezieht sich auf den historischen Moment nach der Computerrevolution, wenn die Computertechnologie nahezu unsichtbar auf unendlich viele Ebenen des Lebens einwirkt und im Prinzip nur noch dann auffällt, wenn sie nicht vorhanden ist. Eine Kraft von ebenso elementarer Bedeutung wie Wasser oder Luft.

Mit „Paper“ widmet sich die transmediale vorrangig in Workshops und Präsentationen jenem Material, das lange als mediales Nonplusultra galt, heute aber zunehmend an Bedeutung verliert, was sich nicht zuletzt in der derzeitigen „Printkrise“ darstellt, die Zeitungen verschwinden und Verlage zittern lässt. Kunstbücher, Mail Art in der DDR, konkrete Poesie, DIY-Publikationen oder neue Druckverfahren – die Anwendungsmöglichkeiten des Papiers sind enorm, doch seine Rolle ändert sich im postdigitalen Zeitalter zwangsläufig. Der dreigeteilte Ausstellungsteil „The Miseducation of Anya Major“ richtet schließlich den Fokus auf die problematische Rolle der Medienkunst per se, die in der breiten Öffentlichkeit zumeist als zu hermetisch oder komplex empfunden wird und untersucht das medienkünstlerische Potenzial im Hinblick auf Wissen, Lernen und Bildung.

Neben der Gruppenausstellung „Tools of Distorted ­Creativity“, in der 13 Künstler einen rebellischen Zugang zu Hard- und Software suchen und diese quasi „missbrauchen“, erlaubt die Einzelausstellung „Imaging With Machine Process“ die Begegnung mit der bahnbrechenden Ästhetik der US-Amerikanerin Sonia Landy Sheridan, die seit 1970 einen kreativ-spielerischen Umgang mit innovativer Technologie proklamiert. Die heute 87-jährige Grande Dame der Medienkunst experimentierte mit Faxgeräten oder Farbkopierern, sie nutzte Softwarefehler, entlockte der Technik eine ungeahnte Dimension und dekonstruierte die autoritäre Aura, die diese Maschinen umgab. Eine sympathische Strategie, der Hoffnung und Zukunftsglaube innewohnen und die auch in postdigitalen Zeiten möglich sein sollte, ganz gleich, ob ein ferner Himmelskörper heute ein Planet ist oder nicht.  

Text: Jacek Slaski

Foto: Tabor Robak / Hippos In Tanks 2012

transmediale 2013 BWPWAP – Back When Pluto Was a Planet Haus der Kulturen der Welt John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, 29.1.–3.2., Alle Termine siehe Tagesprogramm oder im Internet unter www.transmediale.de

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