Ausstellungen

„Treibsand“ in der Martin-Luther-Gedächtniskirche

Andrea StreitDie „Sieben kleinen Sünderlein“ Ute Fabers schweben gut sichtbar im Kirchenluftraum. Wie viele große Sünder dereinst auf den Holzbänken des während des Naziregimes erbauten Gotteshauses in Mariendorf saßen, kann man nur vermuten. Ursprünglich als Friedenskirche und im Andenken an die Toten des Ersten Weltkrieges geplant, wurde der Bau nach einem Entwurf Curt Steinbergs zwischen 1933 und 1935 realisiert. Der mit den Nazis sympathisierende Architekt hielt sich bei der Gestaltung des Innenraums mit nazistischen Symbolen nicht zurück. Auf dem Triumphbogen zwischen Altarraum und Kirchenschiff zeigen Reliefs neben christlichen Motiven auch markige Soldatenköpfe – mit faserigen, feingespinstigen Buntstiftzeichnungen nimmt der Künstler Andreas Bauschke diese Motive auf. Hakenkreuze und andere verbotene Nazisymbole wurden nach Kriegsende aus den Wänden geklopft. Trotzdem verblieben noch genug Relikte aus der damals großkotzig „Drittes Reich“ genannten Epoche im Kirchenraum. An der hölzernen Kanzel gesellen sich Soldat, SA-Mann und Hitlerjunge zu Figuren aus der Bergpredigt. Hinter dem Altar, am Taufbecken, überall vermischen sich Nazi-Symbole mit denen des Christentums. Die sichtbare Vergangenheit der Kirche fordert heraus, sich an Ort und Stelle mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Im Rahmen der Ausstellung „Treibsand“ haben sich sieben Künstlerinnen und Künstler des VBK mit dem geschichtsträchtigen Ambiente des Raumes beschäftigt. Seit zwei Jahren wird für das denkmalgeschützte Kirchenhaus ein neues Nutzungskonzept erarbeitet, das auch Kulturveranstaltungen vorsieht. Ein frischer Wind soll durch das Gebäude ziehen. Und der weht jetzt den Treibsand fort, in dem mancher zu versinken drohte.    ?    

Text: Constanze Suhr
Abbildung: Andrea Streit „Sturm auf die Gegenwart“


tip-Bewertung: Sehenswert

Termine: Treibsand
Martin-Luther-Gedächtniskirche, ?Riegerzeile 1a, Mariendorf, ?Di-Sa 14-17 Uhr, Do 14-19 Uhr, bis 9.10.2010

 

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