Ausstellungen

„Tür an Tür – Polen und Deutschland“ im Martin-Gropius-Bau

guenther_ueckerDas Bild ging um die Welt – Bundeskanzler Willy Brandt fällt vor dem Ehrenmal der Helden des Gettos in Warschau auf die Knie, nachdem er seinen Kranz niedergelegt hat. Der „Kniefall von Warschau“ am 7. Dezember 1970 vor der Unterzeichnung des Warschauer Vertrags zwischen Polen und der BRD leitete die Versöhnung beider Länder ein.

Die Übernahme der Ratspräsidentschaft Polens dieses Jahr gibt Anlass genug, sich der heiklen Beziehungsgeschichte Polens und Deutschlands mit einer umfangreichen Ausstellung anzunehmen. Im gesamten Erdgeschoss des Martin-Gropius-Baus zeugen in zehn Kapitel eingeteilt Historiengemälde, Skulpturen, Handschriften, Grafiken, Dokumente, Musik und Kunsthandwerk neben zeitgenössischen Arbeiten, Fotografien und Filmen von der bewegten Geschichte beider Nachbarstaaten. Eine Geschichte mit Territoriumskämpfen, Überfällen, Unterdrückung, Hass, Vorurteilen und schließlich der vorsichtigen Annäherung. Sie wird nun anhand von 700 Objekten erzählt.

„In der Nachkriegszeit haben sowohl die polnische als auch die deutsche Gesellschaft größtenteils versagt, wenn es darum ging, die traumatischen Erinnerungen aufzuarbeiten“, findet Kuratorin Anda Rottenberg, langjährige Leiterin der Nationalgalerie für moderne Kunst Zacheta in Warschau. Polen wie Deutsche wüssten sehr wenig über die Geschichte der jeweils anderen, und hier wie dort herrschten jede Menge gefühlsbeladener Vorurteile. „Die Ausstellung soll“, so die Kuratorin weiter, „einen Ausgangspunkt für einen weiteren Lernprozess bilden, durch den das gegenseitige Verständnis gestärkt wird.“ Maria Poprzecka beschreibt in ihrem Katalogtext zur Ausstellung die Entwicklung der Rezeption eines ganz besonderen Historienschinkens aus dem 19. Jahrhundert. Die heutigen Durchschnittspolen, so vermutet Poprzecka ironisch, hätten wohl nur eine geschichtliche Jahreszahl in Erinnerung: 1410, die Schlacht bei Tannenberg. Und sie kennen wohl auch nur ein Gemälde – Jan Matejkos Darstellung eben dieser Schlacht. Das Ereignis, bei dem das Heer der damaligen Ordensmacht Preußen unweit der Orte Tannenberg und Grünfelde der Streitmacht des Königreichs Polen sowie dem Großherzogtum Litauen unterlag, hatte Matejko in Öl großformatig pathetisch auf Leinwand gebannt.

Dieser Künstler habe außergewöhnlich starke und beständige Stereotype geschaffen, so die Autorin, die bis heute das polnische Geschichtsbild prägten und aufgrund der massenhaften Rezeption durch Reproduktionen einen Fundus heiliger Klischees des Nationalbewusstseins bildeten. In einer dramatischen Rettungsaktion wurde das Gemälde vor der Zerstörung durch die NS-Besatzer unter einer Scheune bei Lublin vergraben.­ Zwei junge Warschauer Maler sollen im Zuge der Evakuierung des Bildes sogar ums Leben gekommen sein. „Dies gab dem Gemälde den Status einer mit Blut bezahlten säkularen Nationalreliquie“, schreibt Poprzecka. Die Beliebtheit von Matejkos Schlacht bei Tannenberg sei bereits in der Volksrepublik Polen eng mit seinen antideutschen Tendenzen verbunden gewesen.

Zur Zeit des Sozialistischen Realismus wurde der Bedeutung des historischen Schinkens kein Abbruch getan. Später diente Matejkos Gemälde als Leitmotiv für Satire und Komödie, wie in einem TV-Stück von Stanislaw Bareja. „Millionen Zuschauer lachten Tränen bei der unvergesslichen Szene, als durch das enge Treppenhaus eines typischen Plattenbaus eine riesige Reproduktion der Schlacht geschleppt wird, die in die Wohnung eines Funktionärs gebracht werden soll. Da das Gemälde die Dimensionen der sozialistischen Wohnfläche übersteigt, wird es geknickt und hängt fortan übereck an zwei benachbarten Wänden.“

Der Bildhauer Miroslaw Balka, unter anderem bekannt durch seine Präsenz bei der Documenta in Kassel und der Biennale in Venedig, sperrt die historischen Bilder zur Beziehungsgeschichte des preußischen Ordensstaates und Polen sowie seine Betrachter in eine Art Käfig. Mit seiner Installation „Das Magazin der Geschichte“ dürfen wir auch einen Blick hinter die Leinwände ­werfen und uns Gedanken über deren kulturbildende Rolle machen.

Unter den überwiegend historischen Exponaten der Ausstellung tauchen immer wieder die Arbeiten zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler mit ihren Reflexionen und Befindlichkeiten zum Thema auf. Alina Szapocznikows Objekte spiegeln das Trauma ihrer Gefangenschaft im KZ und das Drama ihrer späteren Erkrankung wider. Zerlegte, zerrissene Gestalten, Fragmente weiblicher Körper, wie ein Fetischobjekt präsentiert, drücken starke Verletzlichkeit aus. „Durch die Abdrücke des menschlichen Körpers versuche ich, mittels des transparenten Polyesters die flüchtigen Momente des Lebens zu bewahren“, so die Künstlerin, die 1973 mit erst 47 Jahren starb. So wie Miroslaw Balka hat Artur Zmijewski den Zweiten Weltkrieg nicht selbst erlebt, nimmt aber ebenso wie dieser in seinen Arbeiten oft darauf Bezug. „Fangspiel“, ein Film, der eine Gruppe nackter­ Menschen beim Fangen spielen in der Gaskammer eines ehemaligen Konzentra­­­tions­lagers zeigt, gehört sicher zu den provokativsten wie auch bekanntesten Projekten des Künstlers.

Text: Constanze Suhr

Foto: Günther Uecker: „Splitter für Polen“/Simone Gänsheimer München/VG Bild-Kunst Bonn

Tür an Tür. Polen – Deutschland – 1000 Jahre Kunst und Geschichte Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Kreuzberg, Mi-Mo 10-20 Uhr, 23.9.-9.1.2012

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