Ausstellungen

Udo Kittelmann über die Berlin Art Week

Udo_Kittelmann_c_Harry_SchnittgerDie Berlin Art Week, ein Zusammenschluss von neun Berliner Kunstinstitutionen und zwei Messen, soll diesen September der Berliner Kunstszene mehr Schub im internationalen Vergleich geben. Dabei sind neben den beiden Messen abc und Preview die Neue und die Alte Nationalgalerie, der Hamburger Bahnhof, die Berlinische Galerie, die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), das Haus der Kulturen  der Welt, der Neue Berliner Kunstverein (nbk), die C/O Galerie, die Kunst-Werke und die Akademie der Künste. Diese Häuser gehen vom 11.-16.9. in die Kunstwoche. Außerdem gibt es dort sowie zu den Messen ein umfassendes Rahmenprogramm, in dem nicht nur Kunst, sondern auch Literatur und Architektur präsentiert werden.
Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie seit 2008, repräsentiert mit dem Hamburger Bahnhof, der Neuen National­galerie und der Alten Nationalgalerie gleich drei der teilnehmenden Orte.

Herr Kittelmann, wie schwierig ist es, wenn sich elf eigenständige Kunst-Institutionen zur gemeinsamen Berlin Art Week zusammentun?
Es gab keinerlei Schwierigkeiten. Wir alle sind der Meinung, dass die Berlin Art Week eine Demonstration eines gemeinsamen Geistes für die Kultur in dieser Stadt ist.

Die Initiative ging von den Machern der Kunstmesse abc aus. Sie selbst mussten offenbar nicht überredet werden.
Die zurückliegenden Jahre haben bewiesen, dass man umso stärker auftreten kann, je gemeinsamer man eine Sache macht. In Berlin gibt es so viel Potential, gerade zwischen den verschiedenen musealen Institutionen und Ausstellungsorten, dass man bloß nicht den Fehler machen sollte, wie das oft in anderen Städten der Fall ist, gegeneinander zu arbeiten. Ich habe mir immer gewünscht, dass die Institutionen unabhängig von irgendeiner hierarchischen Ordnung in der Sache gemeinsam denken und arbeiten. Nur die Vielfalt kann zur besonderen Auszeichnung einer kulturellen Szene führen.

Das Geld für die Berlin Art Week kommt von Sybille von Obernitz, der Wirtschaftssenatorin. Ist das ein Wirtschaftsförderungsprojekt?
Ich sehe die Berlin Art Week vor allen Dingen unter der Prämisse, einen Beitrag zu leisten, durch den Berlin seine Bedeutung als Kulturstandort in der Zukunft festigen kann. Doch wir wissen alle, dass die Stadt von ihrem großen kreativen Potential lebt und die Kreativindustrie für den Wirtschaftsstandort eine große Bedeutung hat. Das eine lässt sich nicht von dem anderen abkoppeln.

Wie groß ist denn die Bedeutung der Kunstmetropole Berlin in Europa und der Welt?
Sehr groß. Man merkt es daran, wie viele Menschen nach Berlin fahren, um sich die Kulturlandschaft hier anzuschauen. Und vor allem sieht man es daran, wie viele Künstler aus der ganzen Welt es nach Berlin drängt. Das ist im Moment einzigartig auf dieser Welt. Für die Sehnsucht der Künstler, für ihr unbedingtes Wollen, einen guten Ort für ihre Kreativität zu finden, bietet Berlin derzeit die besten Voraussetzungen.

Welche Städte sind unsere schärfsten Konkurrenten?
Es sind die bekannten Kunstmetropolen wie London, New York, Paris.

Was ist mit Asien?
Nein, es gibt keine internationalisierte Künstlerkarawane, die nach Asien will. So international wie Berlin ist im Moment kein anderer Ort in Europa. Was natürlich auch daran liegt, dass hier das alltägliche Leben immer noch relativ preiswert ist. Das Leben ist in Asien viel teurer, von London ganz zu schweigen.

Lässt sich die Sehnsucht der Künstler, nach Berlin zu kommen, denn überhaupt institutionell steuern, beispielsweise durch die Art Week?
Jede kulturelle Entwicklung, gerade in ihren Anfängen, ist immer ein ganz zartes Pflänzchen, das gewässert werden muss. Man darf nicht den Fehler machen, zu glauben, dass es irgendwann eine Zeit geben könnte, in der man sich auf den dann gewachsenen Pflanzen ausruhen kann. Wenn das passiert, gefährdet man relativ schnell die Bedeutung eines Kulturstandortes. Man muss immer etwas dafür tun. Und da ist die Berlin Art Week sicherlich ein wichtiger Parameter für eine langfristige Sicherung des Kulturstandortes.

Die Institutionen haben es in diesem Jahr noch nicht geschafft, zur Berlin Art Week spezielle Ausstellungen ins Programm zu nehmen, weil die Planungszeit zu kurz war.
Richtig. Wir hätten kurzfristig irgendwas hinzaubern können, aber das wollten wir nicht, weil es nicht einem gemeinsamen Denken entsprochen hätte. Aber für 2013 ist dann Vorlauf genug, wir haben uns genau dieses Jahr für die Planungen erbeten.

Die bald zu Ende gehende dOCUMENTA 13 hatte so viele Besucher wie noch keine zuvor. Gibt es so etwas wie einen „contemporary turn“ in der Gunst des kunstinteressierten Publikums?
Was genau verstehen Sie unter „contemporary turn“?

Damit meine ich, dass sich viel mehr Menschen für zeitgenössische Kunst interessieren als früher.
Die zeitgenössische Kunst erfährt eine sehr große Beachtung, daran kann es keinen Zweifel geben. Das ist eine Entwicklung, die jetzt schon über zwei Jahrzehnte im Gange ist, und zwar in einer großen Breite. Das hat es in dieser Form historisch sicherlich noch nicht gegeben.

Udo_Kittelmann_c_Harry_Schnittger_7Sie arbeiten daran mit. Die von Ihnen initiierten Ausstellungen im Hamburger Bahnhof wie Carsten Höllers Installation „Soma“ mit lebenden Rentieren oder Tomбs Saracenos „Cloud Cities“ waren sehr gut besucht.
Das Wichtige ist, dass man für jede Institution eine eigene Positionierung findet und zu künstlerischen Projekten kommt, die sich so nicht an anderen Orten wiederfinden. Das gilt in der Gesamtheit dessen, was die verschiedenen Häuser der Nationalgalerie an Programmen entwickeln. Natürlich könnten wir immer noch publikumswirksamere Ausstellungen machen. Das hieße allerdings, dann populistisch zu werden, sprich, primär mit Künstlern zu agieren, die auch einem sehr breiten Publikum schon bekannt sind. Was bei Höller und Saraceno natürlich nicht der Fall war. Eine der wichtigsten Aufgaben einer musealen Institution überhaupt ist es doch, das weniger Bekannte, das noch nicht dem Kanon Angehörende, auszustellen.

Zum Beispiel?
Die Ausstellung mit Anthony McCall ist ein Beispiel. Er ist sicherlich den wenigsten Besuchern bekannt gewesen. Und trotzdem haben seine Ausstellung fast 100?000 Besucher gesehen. Oder auch die für Oktober geplante Ausstellung „Kinderkreuzzug“ von Martin Honert. Auch da vertraue ich darauf, dass sein künstlerisches Werk ein Publikum finden wird, auch wenn der Name des Künstlers für die meisten Besucher bisher kaum bekannt sein dürfte. Allein schon deswegen, weil hier einfach über Jahrzehnte hinweg ein ganz wunderbares Werk geschaffen wurde.

Werden Sie nervös, wenn eine neue Ausstellung kommt und Sie noch nicht wissen, wie diese angenommen wird?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe auch noch nie in Kalkül gezogen, wie das Publikum darauf ansprechen wird, wenn wir im Team über neue Ausstellungen sprechen und dann die Entscheidungen treffen. Wichtig ist in meinem Verständnis, eine Form einer Ausstellung zu finden, die sich gegenüber einem Publikum vermitteln lässt. Aber das ist dann eben eine kuratorische Aufgabe.

Sie stehen als Direktor der Nationalgalerie sechs sehr unterschiedlichen Häusern vor. Ist es einfacher, mit dem Hamburger Bahnhof für Aufmerksamkeit zu sorgen als mit der Friedrichswerderschen Kirche?
Ja. Man kann ganz klar feststellen, dass gerade seitens der Medien an einer zeitgenössischeren Kunst ein größeres Interesse herrscht. Das gilt auch für Bereiche der klassischen Moderne. Aber mir macht inzwischen jede Epoche unglaublich viel Spaß. Als die Nationalgalerie 150 Jahre alt wurde, war es wunderbar, die Sammlung Wagener noch einmal als einen historischen Rückblick im Ganzen zu präsentieren. Die Gründung der Nationalgalerie war der Initiative einer Privatsammlung zu verdanken, und der Blick zurück ist auch aktuell. Denn auch heute sind die Museen in einem großen Teil auf die Förderung durch private Sammler und Institutionen angewiesen.

Zwei Häuser, die bei der Berlin Art Week mitmachen, zeigen Ausstellungen, die nur durch Sponsoren möglich wurden: Die Kunst-Werke stellen mit Wael Shawky den Träger des Schering-Kunstpreises vor, die Berlinische Galerie präsentiert mit Michael Sailstorfer den Träger des Vattenfall Contemporary. Wie weit ist man als Museumsdirektor auf solche Finanzhilfe angewiesen?
Wie gesagt, ohne diese Unterstützung verfügten die Institutionen nicht über ausreichend eigene Mittel zur Realisierung ihrer Projekte. Andererseits kann ich nur immer wieder sagen: Ich habe es noch nicht erlebt, dass irgendein Sponsor Einfluss auf meine Programmgestaltung genommen hätte. Es ist doch immer so, dass zunächst die Institution agiert, um sich dann entsprechend ihrer Ideen Unterstützer zu suchen, die mithelfen, das Optimum eines künstlerischen Projektes zu realisieren.

Sie sind als Direktor der Nationalgalerie auch Kurator. Kurator ist angeblich der neue Traumjob, wie früher DJ.
Es gibt auf einmal wahnsinnig viele Kuratoren, also kann man daraus schließen, dass das ein sehr attraktives Berufsfeld ist. Ich erinnere immer gern daran, als einige meiner Kollegen und ich anfingen, wie Hans-Ulrich Obrist und Klaus Biesenbach. Damals gab es das Berufsbild des Kurators hier in Europa nicht, in Amerika schon. Wir waren diejenigen, die versuchten, Künstlern ihre Träume für Ausstellungen zu verwirklichen, sie aus dem theoretischen Feld in die Realität zu überführen. Wir haben damals auch noch alles selbst gemacht: Bilder auf Gepäckträgern auf dem Auto transportiert, Nägel in die Wand gehauen. Das entsprach noch einem ganz anderen Verständnis. Heute hat sich das sicherlich modifiziert und ist auch zu einer Modeerscheinung geworden. Doch unter den vielen Kuratoren sind auch einige, die einen sehr eigenen Geist entwickeln.

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