Ausstellungen

Valйrie Favre in der Galerie Barbara Thumm

favreEs gibt bei ihrem Tryptichon nur eine pragmatische Entscheidung: Dass es drei Teile hat. 1,70 x 3,90 Meter Leinwand könnte sie nicht alleine bewegen. Doch sonst ist im Werk Valйrie Favres gar nichts einfach oder klar. Auch wenn es zunächst so wirkt.
Schließlich spielt sich im Tryptichon „Die Antwort der Zwerge“ eine Szene ab. Ein Zirkus scheint da zu sein, das Zelt schon etwas schäbig. Grün, Gelb, Blau, Schwarz, Weiß sind die Farben. Nur in der Mitte, über einem Tisch, leuchtet ein Rot. Was das ist? Nicht erkennbar. Und all die Menschen? Einige haben Vögelköpfe. Vieles an ihnen ist scharf umrissen, aber ihre Gesichter lösen sich in den Farben auf. Was das darstellt? Das Motiv der Bühne interessiere sie. Genau kann Valйrie Favre nicht erklären, was sie malt. Eher wie. „Das Medium Malerei selbst zieht die Figur aus der Leinwand“, sagt sie. Nie zeichnet sie vor, hat aber ein Szenario im Kopf. Wenn sie ein Thema packt, beginnt sie mit Farbflächen. Drüber Farbflächen. Wieder Farbflächen.

Zwei bis drei Jahre arbeitet sie an einem Bild. Ihr Atelier in den Weddinger Uferhallen ist voll mit angefangenen, halbfertigen, fast fertigen Gemälden. „Ich bin ganz entspannt und gebe mir Freiheit.“ Immer wieder schaut sie die Bilder an. Plötzlich ist die Lösung da. „Dann, zack, erscheint die Figur aus der Tiefe und ich hole sie heraus. Voilб.“
Die Arbeiten von Valйrie Favre, 1959 im schweizerischen Evilard geboren, seit 1998 in Berlin, entstehen in einem langen Prozess. Deshalb forden sie vom Betrachter Zeit. Das liegt an dem umfangreichen Figurenpersonal und am Geschehen. „Ich nenne mich eine falsche Schriftstellerin“, sagt sie. Sie will Geschichten erzählen, und das in neun Bild­zyklen, an denen sie parallel arbeitet.
Über 70 Arten des Selbstmords hat sie bereits gemalt. Ein Thema, das sie gewählt hat, weil es bislang in der Malerei kaum vorkam. Ebenso wie die „Henkerin“, ein anderer Zyklus, bei dem ihr auch der Titel wichtig ist. Oder die „Lapines Univers“, die lange Reihe erotischer Häsinnen.

favreFavre sieht sich als Forscherin. Sie will neue Themen erobern, will das alte Medium Malerei herausfordern und testen, was es heute noch zu sagen hat. Dabei bedient sie sich des Motiv-Vorrats der Kunstgeschichte, der Literatur, des Films. „Übersetzung“ nennt sie es. Im „Bruch“ schafft sie ihr eigenes Bild-Universum.
Im Atelier steht die riesige Arbeit „The Art of Watching Birds.“ Schreiende Menschen lösen sich aus einem Schwarz. Vor ihnen ein Tisch, drauf etwas Undefinierbares. Ganz klar der Bezug auf Edvard Munchs „Der Schrei“. Auf die Maske im Film „Scream“. Das Gemälde wird Teil einer Ausstellung in der Galerie Thumm sein. Dort wird man sehen, wie die Werke Favres miteinander in den Dialog treten. Zweimal der geheimnisvolle Tisch. Und ein drittes großes Gemälde wird dort hängen, eine Landschaft, inspiriert vom Kino. Regisseur John Huston legte in sein Filmbild eine Leiche, ungefähr an der Stelle, wo in Favres Bildern der Tisch ist. Bei ihr sieht man keinen Toten, spürt aber das Unbehagen, die Lücke. Die Leiche ist in der Tiefe der Leinwand begraben.

Text: Stefanie Dörre

Foto: Benjamin Pritzkuleit

Valйrie Favre: „The Art Of Watching Birds“
Galerie Barbara Thumm, Markgrafenstraße 68, Kreuzberg, Di-Sa 11-18 Uhr, 26.2.-21.4.2011

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