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„Verfemt, verfolgt – vergessen?“ im Ephraim-Palais

Ephraim_Palais_Verfemte_Kuenstler_11_NetzbandSeismografisch analysierte der 1900 geborene Berliner das jähe Taumeln und Stürzen der Menschenleiber im freien Fall – eine Aktualisierung von Rubens’ „Jüngstem Gericht“. Tatsächlich nannte Netzband das Ölbild zunächst auch „Die Verdammten“. Er galt als Talent, als er zwei von 70 Werken stellte, die Mitte der 20er-Jahre als offizielle „Deutsche Kunstausstellung“ durch Rom, Moskau und Tokio tourten. In der Akademie-Ausstellung gab man ihm eine zweite Chance, doch seine Straßenszenen aus dem Zyklus „Berliner Leben“ wurden von den neuen „Kunstwächtern“ dahingehend kommentiert, er habe eine „Judenversammlung“ dargestellt. Ein Warnschuss.

Bald erhält er Malverbot, versteckt seine kritischen Werke in Blechkisten unter Brikettstapeln im Kohlenkeller. Als Blickfang für unangemeldete Blockwartbesuche offerierte er Landschaftsbilder in seinem Atelier. Vollends verdorben hätte er es sich mit den Nazi-Granden, hätten diese das im Mai 1939 entstandene Bild „Der Sieger“ (Abb.) erblickt, das auf der Rückseite das Atelierverbot achtet, wo es heißt: „Im Garten gemalt“. Vier Monate vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs thront dessen „Sieger“ in Generalsuniform und heroischer Pose auf einem Leichenberg im zerstörten Berlin. Untern den vielen Beiträgen zum Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ zeigt die Schau „Verfemt, verfolgt – vergessen?“ aus der Sammlung Gerhard Schneider, was für brillante Künstler der sogenannten „Zweiten Generation“ durch die Nationalsozialisten zu Fall gebracht wurden. Es sind die um 1900 Geborenen, die zu jung waren, um an den Gruppierungen der „Brücke“ oder des „Blauen Reiters“ zu partizipieren. Als ihre Begabungen offenkundig wurden, zermalmte sie die braune Diktatur mit Verunglimpfungen und Malverboten.

Stilistisch reicht die Bandbreite vom Expressionismus über Spätkubismus und Neue Sachlichkeit bis hin zu Holzschnitten, die in äußerster Verknappung die Gräuel in den KZs protokollieren. Man sollte mehrere Besuche einplanen, um die Fülle der zumeist qualitätsvollen Bilder zu bewältigen. Als mutig erwies sich die Hamburger Sezession – die einzige Künstlergruppierung, die nicht dem Nazi-Befehl der Entlassung jüdischer Mitglieder Folge leistete. Stattdessen löste sich die Verbindung kurzerhand selbst auf – und vertrank am Schluss gemeinsam das Vereinsvermögen.

Text: Martina Jammers

Foto: Fotoatelier Sascha Fuis/Köln/VG-Bildkunst, Bonn 2013 Sammlung Gerhard Schneider, Olpe

tip-Bewertung: Sehenswert

Verfemt, verfolgt – vergessen? Ephraim-Palais, Poststraße 16, Mitte, Di–So 10–18 Uhr, Mi 12–20 Uhr, bis 28.7.

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