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Expressionismus

„Vermisst. Der Turm der blauen Pferde von Franz Marc“ im Haus am Waldsee

Der Turm der blauen Pferde: Was zeitgenössischen Künstlern zu Marcs verschollenem Werk einfällt

Franz Marc Der Turm der blauen Pferde, 1913 Öl auf Leinwand, 200 x 130 cm Das Gemälde ist seit 1945 verschollen Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin © bpk – Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte

Bis heute fehlt jede Spur. „Der Turm der blauen Pferde“, eine Ikone expressionistischer Malerei von 1913, verschwand Ende des Zweiten Weltkrieges von der Bildfläche. Keiner weiß, wann und wohin genau. Einige wollen die übereinander gestaffelten Rösser zwar noch gesichtet haben – am Leipziger Platz, im Haus am Waldsee und beim Polizeipräsidenten persönlich. Doch blieb das Gemälde des Münchner Malers Franz Marc verschollen. Was lebt, ist der Mythos.
Jetzt rollt eine Ausstellung in besagtem Haus am Waldsee den Kunstkrimi wieder auf. Oder genauer: „Vermisst“ schickt zwölf zeitgenössische Künstler ins Rennen, die sich auf die Suche machen und der Bild-Historie nachgehen. Mittels Zeichnung, Malerei, Fotografie, Skulptur und Installation reflektieren sie das Thema, 80 Jahre nach der Ausstellung „Entarteter Kunst“ in München, wo auch die „Blauen Pferde“ gezeigt wurden.

„Und alles Sein ist flammendes Leid“, bemerkte Marc, der mit nur 36 Jahren auf dem Schlachtfeld von Verdun starb. Seine „Blauen Pferde“ sind zunächst in der Berliner Galerie „Der Sturm“ ausgestellt worden und nach dem Erwerb durch die Nationalgalerie bis 1936 im Kronprinzen-Palais Unter den Linden. Ab dann wird’s unübersichtlich. Aus der Schau „Entartete Kunst“ wurde das Bild wieder entfernt – nach Protesten des deutschen Offiziersbundes gegen die Diffamierung eines fürs Vaterland gefallenen Leutnants.

Glaubwürdig überliefert ist, dass das Gemälde in den Nachkriegstagen nahe der Dienstvilla Hermann Görings am Leipziger Platz gesehen und später vermutlich durch russische Offiziere in die Argentinische Allee 30, heute Haus am Waldsee, verbracht wurde. Als dort 1946 der Ausstellungsbetrieb begann, verliert sich seine Spur. Dass nun Museumsdirektorin Katja Blomberg in Kooperation mit der Staatlichen Graphischen Sammlung München am Ort des mutmaßlichen Verschwindens eine Ausstellung initiierte, beflügelt den Detektivsinn.

Die Leuchtschrift „Something else is possible“ von Tobias Rehberger empfängt den Besucher im Garten. Sie verdeutlicht, wie es um Gewissheiten bestellt ist. Alles könnte immer auch ganz anders sein. Drinnen im Haus geht es vor allem um den Verlust des Gemäldes, die Gerüchte und das Schweigen in der Nachkriegszeit. Während der Maler Norbert Bisky das Werk kopierte, um es zu zerstören, glaubt der Zeichner Marcel van Eeden an die Existenz des Pferdeturms, zumindest in der Fiktion.

In seiner Serie von 26 Zeichnungen erfindet er neue Gerüchte, die in die USA und die Niederlande weisen. Vielleicht hängt das Bild an einem geheimen Ort oder liegt längst am Grunde des Waldsees? Einige Künstler thematisieren die Leerstelle oder sind abstrakt unterwegs wie Arturo Herrera oder die Fotografin Johanna Diehl. Andere lassen die Rösser springen wie Martin Assig, während Birgit Brenners „Vaterland“ an den Tod des Malers im Schützengraben erinnert.
„Ich empfand schon sehr früh den Mensch als ‚hässlich‘, das Tier schien mir schöner, reiner; aber auch an ihm entdeckte ich so viel gefühlswidriges und hässliches, so dass meine Darstellung instinktiv immer schematischer, abstrakter wurde“, formulierte der Miterfinder des „Blauen Reiter“ in einem Brief aus dem Feld. Pferde hat er viele gemalt, doch most wanted sind speziell die Vermissten.

Was sie wohl heute wert wären? Könnte man sich die Leihgabe des Bildes überhaupt noch leisten? Christian Jankowski ließ eine offizielle Leihanfrage an die Generaldirektion der Staatlichen Museen stellen. Was dabei herauskam und wie seine Künstlerkollegen den Mythos vom „Turm der blauen Pferde“ interpretieren, lässt die Spekulationen weitergehen.

Vermisst. Der Turm der blauen Pferde von Franz Marc Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, Zehlendorf, Di–So 11–18 Uhr, 3.3.–6.6.

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