Ausstellungen

Vier Positionen zur 7. Biennale

DraftsmensCongress_001_c_RafalZwirekHerzchenmalerei
Sein Konzept ist gut. Eigentlich großartig. Artur Zmijewski, ein international bekannter, radikaler Künstler, hat die 7. Biennale mit „Forget Fear“ überschrieben und stellt die richtigen Fragen zur richtigen Zeit: Wie sich mit Kunst real Politik machen lässt. Und inwieweit Kunst und Kunstdiskurs zum Dekor des neoliberalen Systems verkommen sind. Er hält sich nicht an stillschweigende Abkommen, zum Beispiel daran, dass Kuratoren zu Journalisten freundlich sind. Das ist beim Interview unangenehm, aber das Infragestellen von Konventionen gehört durchaus zu den Aufgaben der Kunst. Und er lenkt die Assoziationen. Wer sagt, das Biennale-Logo sehe aus wie eine krypto-faschistische Rune, wird belehrt, es setzte sich aus Teilen gängiger Zeichen wie dem des Euro zusammen. Auf den T-Shirts der Aufseher und den Taschen, die im Shop angeboten werden, ist ein verändertes Biennale-Logo aufgedruckt, es erinnert an japanische Kalligrafie. Warum? Achselzucken. Das kann dort keiner sagen. Wer auch hier seinen Assoziationen folgt, kommt leicht auf die Idee, dass sich ein Stoffbeutel mit freundlichem Logo besser verkauft. Doch wer weiß, vielleicht ist auch dieser Gedankengang gelenkt. Diese Berlin Biennale macht es den Besuchern nicht einfach. Die große Halle in den Kunst-Werken, zentraler Ort des Festivals, hat Zmijewski der Occupy-Bewegung überlassen. Dort sitzen junge Aktivisten, sie haben Anti-Atomkraft-Zeichen und Parolen wie „This is your Action Space“ an die Wand gemalt.

In den Stockwerken darüber baut Miros?aw Patecki den Kopf der 50 Meter hohe Christustatue aus Styropor nach, die er schon im Auftrag der katholischen Kirche im polnischen Ort Swiebodzin errichtet hat. Und Antanas Mockus gibt die Möglichkeit, per Vertrag zu versichern, kein Kokain zu konsumieren, damit nicht noch mehr Geld an die Drogenbosse in Mexiko fließt. Das ist schon sehr naiv. Und dass eines dieser Werke in der Politik irgendetwas bewirkt, wird wohl keiner ernsthaft glauben. Zmijewskis Konzept ist zwar gut, doch können die Arbeiten seine hohen Ansprüche nicht einlösen. In der St.-Elisabeth-Kirche hat der bekannte Bildhauer Pawe? Althamer eine Riesenleinwand für jedermann aufgebaut. Ein visueller Dialog soll es werden. Bislang ist es vor allem bezugloses Gemale. Beliebtes Motiv: das Herz, wie man es aus der I-love-Werbung kennt. Es prangt auch auf dem riesigen Eisenschlüssel, eine Kollektivarbeit der Bewohnern eines palästinensischen Flüchtlingslagers, der im Hof der Kunst-Werke liegt. Es ist eben sehr schwer, neue Ausdrucksformen zu finden. Kunst ist diese banale Herzchenmalerei jedenfalls nicht. 

Text: Stefanie Dörre
Bewertung: Zwiespältig

Etikettenschwindel
Jedes Mal haben wir weniger Lust, die Berlin Biennale zu besichtigen. Warum? Die Kunst macht sich unsichtbar. Stattdessen Agitprop und Auschwitz-Birken, Parolen und Pamphlete. Liest die einer? Wer sich vom Aufruf, sein privates Gender-Manifest an die Wand zu pinseln, nicht angesprochen fühlt, ist im Occupy-Lager zwischen Militärzelt, Solar-Fahrrad und Flimmerkiste ohnehin fehl am Platz. Diesmal wurden wir von einer aufrechten Aufseherin sogar des Hauses verwiesen. Ohne Ausweis und Akkreditierung ginge nichts, meinte die junge Frau in vollem Ernst. Dabei ist der Eintritt frei und am Debattieren und Schmieren sollen sich schließlich alle beteiligen. Das wirkte befremdlich, um nicht zu sagen absurd, wie der ganze subventionierte Etikettenschwindel. Die Kunst-Werke brauchen keine Aufseher. Was wäre zu klauen oder zu zerstören? Geldmarktkonfetti gibt es sowieso keine. Die hängen in benachbarten Galerien. Möchte man nicht voll demokratisch alles mit allen teilen? „This is not our museum, this is your actionspace“, verkündet ein Transparent. Na klar, bei der 7. Berlin Biennale geht’s weniger ums Besichtigen, äh Beaufsichtigen, als ums Mitmachen, und das geht auch ohne (Mit-)Denken. Labern genügt: ReVolluTION!

Text: Andrea Hilgenstock
Bewertung: Ärgerlich

Erfrischend
Vielleicht haben die Kuratoren der diesjährigen Biennale, Artur Zmijewski und Joanna Warsza, im gegenwärtigen Berliner Kunstgeschehen die Rolle, die den Piraten in der Politikszene zukommt: keine richtige Substanz, aber auf erfrischende Art aufmischend. Dass sich im Untergeschoss der Kunst-Werke die verschiedensten politischen Gruppierungen präsentieren, erscheint eher wie ein Gag, gehören doch politische Aktionen in die breite Öffentlichkeit. Immerhin, der Eintritt ist frei, und hier könne man sich endlich in Ruhe zur Arbeit treffen, ohne geräumt zu werden, erklärte eine Vertreterin der in die Kunst-Werke geladenen Occupy-Bewegung. Die russische Aktivistengruppe Wojna wird ebenfalls durch den Rahmen der Kunst während der Berlin Biennale geschützt agieren können. „Breaking the News“ in der dritten Etage, eine Installation von neun Videoprojektionen mit Aufnahmen von Protestaktionen in aller Welt, schafft mit diesen geballt zusammenwirkenden Bildern des Widerstands durchaus eine eigentümliche Atmosphäre.

Mit der Sinnlichkeit und Intensität versehen, die ich von Kunst erwarte, sind die Birkensetzlinge des polnischen Künstlers ?ukasz Surowiec in der vierten Etage, die er aus dem Umkreis der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau nach Berlin gebracht hat und die als neue Gedenkorte überall in der Stadt verpflanzt werden sollen – egal ob Parallelen zu Gunter Demnigs „Stolpersteinen“ und Joseph Beuys’ Kasseler Eichen zu sehen sind. Das Ziel der Biennale sei, so Zmijewski, Kunst zu unterstützen, die nachhaltig politisch wirke. Zeitgleich zur Biennale-Eröffnung hat das Gallery Weekend stattgefunden, zu dem sich viel Kunsthoheit in der Auguststraßen-Umgebung tummelte, da war tatsächlich das Kontrastprogramm ins Auge gefallen. Doch wie aufrührerisch kann eine Veranstaltung sein, die unter anderem von BMW, Schering und Allianz gesponsert wurde?

Text: Constanze Suhr
Bewertung: Sehenswert

Wie im Zoo
Die 7. Berlin Biennale ist weniger eine Ausstellung als eine Agitation, der Versuch, durch provozierende Arbeiten, Performances und Projekte Reaktionen zu erzeugen und Skandale zu evozieren. Beides scheint zu funktionieren, gab es doch schon im Vorfeld einige Aufregung um das Logo der Biennale und die Aktion des tschechischen Künstlers Martin Zet, der Ausgaben von Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ sammeln und recyceln wollte. Die Aktion hatte im Hinblick auf die Bücher keinen Erfolg, dafür gab es den medialen Aufschrei. Nicht ohne guten Grund ist man in Deutschland im Umgang mit Büchern besonders sensibel. Die nächste große Erregung wird sich spätestens um den New World Summit zusammenbrauen, der Mitglieder von als Terrororganisationen eingestuften Vereinigungen zu einem Kongress einlädt – von Al Quaida bis hin zur kolumbianischen FARC. Zu dieser „Skandalproduktion“ tritt eine manchmal moralin-saure Obsession mit dem Dritten Reich, die im Nachspielen der Schlacht um Berlin 1945 gipfelt, dessen filmische Dokumentation dann an einem Ort mit Zeugnissen von Vertriebenen im Deutschlandhaus gezeigt wird.

Das Spiel mit Gegensätzen, wie es schon im Deutschlandhaus anklingt, zieht sich durch die ganze Kuration. Herannahendes neues Leben wird in der Akademie der Künste gegen den heraufdämmernden Tod gesetzt, die Kunstwelt wird gleich im Erdgeschoss der Kunst-Werke mit einem Lager von Protestgruppen konterkariert. Dies soll, so Chefkurator Zmijewski, das Publikum dazu ermächtigen, die Rolle des Museumsbesuchers zugunsten der des Bürgers (im weitesten Sinne) aufzugeben. Leider werden die Protestler so zu einer sozialen Skulptur, durch die man, vorbei an handgeschriebenen Schildern, beinahe wie ein Zoobesucher hindurchläuft. Mit ist das zu krawallig, ich finde die Biennale ärgerlich. Fragt sich nur, ob der Kurator nicht genau diese Reaktion vom Besucher erwartet.

Text: Philipp Koch
Bewertung: Ärgerlich

7. Berlin Biennale
Di–So 12–20 Uhr, bis 1.7.,
Eintritt frei;
KW Institute for Contemporary Art
, Auguststraße 69, Mitte;
Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Mitte; 
Deutschlandhaus
, Stresemannstraße 90, Kreuzberg; St.-Elisabeth-Kirche, Invalidenstraße 3, Mitte

Joanna Warsza und Artur Zmijewski im Gespräch

Foto: Rafal Zwirek

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