Ausstellungen

„We will forget soon“ im Meinblau Projektraum

Den Fall der Berliner Mauer verfolgte der dreizehnjährige Dario-Jacopo Laganа in Neapel vor dem Fernsehgerät und ahnte nicht, dass er 22 Jahre später mit der Kamera in Berlin auf der Suche nach den Spuren eben dieser Geschichte sein würde. Laganа, der eine Zeit lang als Reisefotograf und Foto-Journalist gearbeitet hat, zog 2011 nach Berlin. Er lernte Deutsch und begann, sein Umfeld zu erforschen.
Im Zuge dieser Streifzüge entstand sein Blog „Elephant in Berlin“, in dem er sich fotografisch mit der Geschichte der Stadt auseinandersetzt. Das leere, etwas unheimliche Berlin bei Nacht assoziiert er mit Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“.  In der verlassenen Kreuzberger Eisfabrik erinnern Graffitis daran, dass sie über Jahre als Zuflucht für Obdachlose diente. Zeichen von dem, was war. Laganа hält sie in seinen Fotos fest und erzählt auf seinem Blog von der Vergangenheit in der Gegenwart.
Als ihm eine Freundin aus Rahnsdorf Familienfotos zeigte, wurde er auf das kuriose Nebeneinanderherleben der Deutschen und Russen von 1945 bis zur Maueröffnung aufmerksam. Neugierig seien die Nachbarn nach Abzug der Truppen in das Kasernengelände geströmt, erzählt Laganа. „Die haben vorher nur das Stoppschild auf der Straße gesehen und Soldaten, die den Eingang bewachten.“ Mit seinem frisch angelernten Deutsch hat er sich durch die Doktorarbeit Silke Satjukows gekämpft: „Besatzer: ,Die Russen‘ in Deutschland 1945-1994“. Etwa eine halbe Million sowjetische Soldaten, Zivilangestellte und Familienangehörige waren in und um Berlin in ehemaligen Wehrmachtskasernen, umfunktionierten und eigens errichteten Gebäuden untergebracht. Nur Knoblauch-Geruch und Rufe sonntäglicher Appelle drangen zu den Nachbarn der „Russenstädtchen“ heraus – bis diese verbotenen Zonen nach dem Abzug der Truppen verwaisten, verfielen oder umfunktioniert wurden.
2010 lernte er Stefano Corso, acht Jahre älter und ebenfalls Fotograf, bei einer Vernissage in Rom kennen. „Wir kamen ins Gespräch, weil wir beide an Geschichte interessiert sind“, sagt Corso. Er hat sich auf Straßenfotografie und Reportage spezialisiert. Mit seinen Bildern kitzelt er das Surreale der städtischen Umwelt heraus, in der sich die anonymen Protagonisten wie zwischen Sehnsucht und Albtraum bewegen.
Stefano Corso, der seit vier Jahren zwischen Rom und Berlin pendelt, und Dario-Jacopo Laganа reisten zwei Jahre lang zusammen von Chemnitz bis nach Rügen. „Auf unserem Weg entdeckten wir eine Geschichte, die sich in den unbeleuchteten Winkeln der Zeit verbirgt“, schreibt Laganа im Buch zur Wanderausstellung „We will forget soon“. In Bildern voller Poesie oder auch nüchtern dokumentarisch haben sie die verblassenden Spuren einer Epoche festgehalten.     ?  

Text: Constanze Suhr

Foto:
Corso / Laganа; Rina Ciampolillo

Meinblau Projektraum
Pfefferberg Haus 5, Christinenstr. 18-19, ?Prenzlauer Berg, Eröffnung Do 3.9. 19 Uhr; ?Di–So 14–19 Uhr, 4.–20.9.; zur Berlin Art Week 15.–20.9. tgl. 14–21 Uhr; www.elephantinberlin.com

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