Weltpolitik

„Welcome to Jerusalem“ im Jüdischen Museum

Im Bann des Sakralen – Viele Anregungen, keine Antworten: Die Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ im Jüdischen Museum setzt sich in politischen, religiösen und künstlerischen ­Exponaten mit ­der Heiligen Stadt auseinander

© Irina Lutt, Women of the Wall

In Jerusalem kann man verrückt werden“, sagt Cilly Kugelmann, Kuratorin der Sonderausstellung „Welcome to Jeru­salem“ im Jüdischen Museum. Schließlich existiert sogar das „Jerusalem-Syndrom“, eine psychische Störung, die sich in religiösen Wahnvorstellungen äußert und jährlich bei etwa 100 Besuchern der Stadt ausbricht.

Nach Donald Trumps einsamer Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, ging der Irrsinn weiter. Weltweit brach wieder eine hitzige Debatte um den Status der Schaltzentrale der drei großen monotheistischen Weltreligionen aus. „Wir wollen auf diese Frage keine Antworten geben“, erklärt der Direktor des Jüdischen Museums Peter Schäfer vorbeugend.

Schäfer sind die Vermittlung der jüdischen Religion und der Folgen der Tempelzerstörung wichtig, allerdings immer, das betont er nachdrücklich, vor dem Hintergrund der beiden anderen Weltreligionen und der jeweiligen Konflikte. Zudem setzt er auf Alltags- und Gegenwartsbezug. So beginnt die Reise nach Jerusalem mit Normalität. Auf großen Videoleinwänden sieht man Bilder aus der Dokumentation „24h Jerusalem“ der Berliner Filmemacher Volker Heise und Thomas Kufus. Erst anschließend gelangt man in Räume mit Karten und Reliquien, alten Gemälden, fein gearbeiteten Modellen der sakralen Bauten, Symbolen, Stichen und Büchern. Doch die ganze Wucht des Heiligen steht hier stets im Kontext des Profanen. Pilger, Propheten und heilige Orte erwartet man von Jerusalem, die Tatsache aber, dass diese Stadt seit Jahrhunderten auf den Tourismus angewiesen ist – auch so lassen sich Wallfahrten verstehen –, ist ebenso ­logisch wie überraschend.

Für Juden, Christen und Moslems ist ­Jerusalem heilig. Davon lebt die Stadt, es ist aber auch eine Last. Religiöse Spannungen überschatteten schon immer das Leben der Bewohner. Zugleich wird Religion genau dort tatsächlich gelebt, das spürt auch jeder Atheist, wenn er zwischen Gebetskirche, Klagemauer und Felsendom spaziert. „Man könnte 100.000 verschiedene Ausstellungen über Jerusalem machen“, sagt Kugelmann und verweist auf Themen, die die Ausstellung ausspart, etwa die Kreuzzüge. Doch klar macht sie mit ihrer Aussage, wie die politischen, sozialen und religiösen Kräfte ineinander greifen und sich Mythen und Alltag verschränken.

Darauf reagieren zeitgenössische Künstler, etwa die in Berlin lebende palästinensisch-britische Künstlerin Mona Hatoum. Mit ­einer Installation aus Seife und Glas nimmt sie die Neuvermessungen Palästi­nas auf. Die US-Amerikanerin Andi LaVine Arnovitz hat eine Weste aus einem Gebetsbuch geknüpft. In der Videoarbeit von Yael Bartana – die israelische Multimediakünstlerin lebt in Israel und Berlin – geht es um den umstrittenen Versuch radikaler Juden, den dritten Tempel wiederaufzubauen. In der Vermengung mit historischen und dokumentarischen Exponaten stellen diese Arbeiten Fragen und erzeugen ein Gefühl für diese einzigartige Stadt, ohne ihrerseits Antworten geben zu wollen. Ganz im Sinne von Direktor Schäfer entsteht ein Reflexionsraum. Nirgendwo in Berlin lässt sich derzeit wohl besser über Jerusalem nachdenken als hier..

Jüdisches Museum Lindenstr. 9–14, Kreuzberg, tgl. 10–20 Uhr, bis 30.4.19, Eintritt 8, erm. 3 €, bis 18 J. frei
33335

Mehr über Cookies erfahren