Ausstellungen

Werke von Anish Kapoor im Martin-Gropius-Bau

2009_Shooting_Into_the_Corner_De_Pont_MAK2Das Atrium im Martin-Gropius-Bau birgt das derzeit bestgehütete Geheimnis der Stadt. Aber große Dinge werfen ihre Schatten vo­raus: Gewaltige Kräne wuchten tonnenschwere Objekte im Lichthof hin und her, die an sich schon riesigen Fenster des Museumsgebäudes mussten abgenommen werden, um die kostbare Fracht nach innen zu hieven. Nachdem Museumsdirektor Gereon Sievernich sich schon vor Jahren um Anish Kapoor bemüht hatte, hat es nun endlich geklappt. Es soll die größte Werkschau eines der wichtigsten zeitgenössischen Künstler weltweit werden. Ausschließlich in Berlin ist sie zu sehen. Hier präsentiert Kapoor, der sich als Bildhauer versteht, nicht weniger als 20 neue Arbeiten.

Als er mit 19 Jahren zum Studium an die Hornsey School nach London kommt – damals die radikalste unter den dortigen Kunsthochschulen –, findet Kapoor sich ein in die reiche Tradition der britischen Nachkriegs-Skulptur. Hierfür stehen unter anderem die mit der Natur verwobenen Figuren von Henry Moore und die farbigen Stahlskulpturen von Anthony Caro und Philip King. Nachdem Kapoor bereits 1990 den britischen Pavillon auf der Biennale in Venedig bespielen durfte, erhielt er im darauffolgenden Jahr den Turner-Preis und später mit der Berufung in die Royal Academy of Arts den endgültigen Ritterschlag. Sein jüngstes Werk – der spektakuläre „Orbit“ – wurde mit stolzen 115 Metern vergangenes Jahr zum Wahrzeichen des Londoner Olympiaparks. Wer Chicago besucht, kann seit 2006 seine öffentliche Großplastik „Cloud Gate“ kaum übersehen. Triumphal steht sie nahe des Chicago Art Institute mit Blick auf die Skyline sowie die Bebauung am Wasser, die sie gleichzeitig reflektiert. Das Ergebnis mutet an wie eine überdimensionierte Schneekugel, welche mit unseren leicht zu täuschenden Sehrezeptoren Schabernack treibt.

Kapoor versteht es, den Betrachter zu einem Teil seiner Werke werden zu lassen. Der Spiegel wird bei ihm zur Metapher der Wahrnehmung, die den Umraum einfängt und absorbiert, ihn aber zudem potenziert zurückwirft. Mehrere Spiegelobjekte – Stelen, „Sanduhren“ und konvexe Scheiben – reflektieren sich gegenseitig und sind in ihren Brechungswinkeln so berechnet, dass sie ein seitenverkehrtes Bild des Museumssaals wiedergeben. Derart umstürzlerische Reproduktion der Wirklichkeit macht einen schwindeln wie in den Spiegelkabinetten früherer Jahrmärkte.

Insgesamt wird Kapoor im Martin-Gropius-Bau die kompletten 3?000 Quadratmeter des Erdgeschosses bespielen, einschließlich Lichthof. Da ist ausgeklügelte Logistik vonnöten. Dreißig Mitarbeiter unterstützen den 59-jährigen Bildhauer mit indisch-irakischen Wurzeln in seinem Hauptquartier – einem großen Fabrikgebäude im Londoner Stadtteil Camberwell. Die Brechungen seiner komplizierten Spiegelobjekte wollen exakt berechnet sein, um die Umgebung und die Betrachter optimal einzufangen. Im Hinblick auf die extrem aufwendigen Installationen wird die Ausstellungsdauer weit bis in den Herbst geschoben. In regelmäßigen Intervallen feuert in der Berliner Ausstellung eine mit großen Wachskugeln gefüllte Kanone ihre Geschosse auf eine Ecke des Raumes. „Wenn die Schau im November schließt, wird der Raum eine ganz individuelle Physiognomie tragen“, frohlockt Gereon Sievernich. „Ich habe das Arrangement in Wien wie in London gesehen – und obgleich es sich stets um die gleiche Kanone handelt, sieht das Ergebnis jedes Mal anders aus.“

mgb13_p_kapoor_04_c_JFernandesAndSDrake_AnishKapoor_VGBildkunst_Bonn2013Unüblich farblos dagegen sind Kapoors organisch wuchernden Zementobjekte der letzten Jahre. Zu ihrer Realisierung spielte er seine geometrischen Vorstellungen in einen Computer ein, der an einen Zementmixer angeschlossen wurde. Heraus kamen dann Objekte, die er zwar liebevoll als „Greyman Cries“, „Shaman Dies“ oder „Billowing Smoke“ bezeichnete, die er aber auch ironisch mit dem Titel „Between Shit and Architecture“ zusammenfasste. Mal erinnern sie an Stalaktiten einer Tropfsteinhöhle, mal an eine sich ängstlich gegenseitig stützende Muschelbank.

Was im Lichthof entsteht, bleibt vorerst offen. Schon mehrmals hat Kapoor das Terrain sondiert und vermessen, eigens für die Werkschau konzipiert er hier eine neue Skulptur. Nur so viel lässt Hausherr Sievernich durchblicken: Kapoor wird sich mit der russischen Oper „Der Sieg über die Sonne“ beschäftigen, einem interdisziplinären Kollektivwerk, das 1913 uraufgeführt wurde. Schon der russische Konstruktivist El Lissitzky – ebenfalls ein Grenzgänger zwischen Malerei, Bildhauerei und Architektur – hat sich an diesem Opus abgearbeitet. „Insgeheim denke ich ja auch, dass Kapoors Favorisierung der Farbe Rot weniger mit der indischen Gewürzpalette zu tun hat, sondern mit der symbolischen Revolutionsfarbe“, meint Sievernich augenzwinkernd.

Text: Martina Jammers  

Foto: Nic Tenwiggenhorn / Anish Kapoor / VG Bildkunst, Bonn, 2013 (oben), J. Fernandes, S. Drake / Anish Kapoor / VG Bildkunst, Bonn 2013 (Mitte)                    

Anish Kapoor Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Mitte, Mi–Mo 10–19 Uhr, Eintritt: 11 Ђ, ermäßigt 8 Ђ, bis 16 Jahre frei, 18. Mai bis 24. November

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