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WEST:BERLIN im Stadtmuseum

WEST:BERLIN im Stadtmuseum

In großen Lettern prangt an der Fassade des Ephraim-Palais in der Poststraße der Schriftzug „WEST:BERLIN“. Irritierend, liegt das Haus doch im ehemaligen Ostteil der Stadt. Auffällig auch die ungewohnte Schreibweise mit dem Doppelpunkt statt eines Bindestrichs.
Mit diesem Bruch wollen die Kuratoren der so betitelten Ausstellung, Julia Novak und Thomas Beutelschmidt, den Betrachter sensibilisieren für die politische Konnotation der altbekannten Schreibweise mit Bindestrich. Der neu eingeführte Doppelpunkt also steht für eine Öffnung der Schranken im Kopf. „Für das Stadtmuseum ist es eine Chance, ein dezidiertes West-Thema aufzugreifen und nicht nur als Ost-Institution begriffen zu werden“, erläutert Thomas Beutelschmidt den Ausstellungsort des Stadtmuseums. Novak ergänzt: „Ein schöner Link ist da die Verbindung der Fassade des Ephraim-Palais zum Westen.“ Während des Zweiten Weltkrieges wurde diese im Wedding eingelagert, bis sie zur 750-Jahr-Feier im Zuge des Aufbaus des Nikolaiviertels an die DDR übergeben wurde. Bei der Exponatsuche in den Archiven mussten die Kuratoren feststellen, dass das Alltagsleben in West-Berlin – wohl auch aufgrund gewisser Selbstverständlichkeiten – nicht so ausführlich dokumentiert wurde, wie man annehmen könnte.

WEST:BERLIN im Stadtmuseum„Die DDR mit ihrer Arbeiterkultur hat es da ganz anders verstanden, Alltagsgegenstände in die Museen aufzunehmen. Das war im Westen erst Mitte der 80er-Jahre der Fall“, so Beutelschmidt. Dennoch ist es gelungen, eine abwechslungs-und lehrreiche Schau zusammenzustellen, die sich unter dem Oberthema Freiheit den Bereichen Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur widmet und dabei bewusst Irritations­punkte setzt, die dazu animieren, hinter die Kulissen zu schauen.
Verblüfft war Novak im Rahmen ihrer Recherche beispiels­weise über das Ausmaß des Nutznießertums in West-Berlin, darüber „wie weite Kreise die Verquickung von Politik und Wirtschaft gezogen hat“. Während nämlich in der DDR strikte Planwirtschaft herrschte, florierte die Wirtschaft in Berlin-West. Dort ansässige Unternehmen und Arbeitnehmer erhielten vom Bund die sogenannte Berlin-Zulage, die den Westteil der Stadt besonders attraktiv machten. So gut subventioniert wie heute kaum noch vorstellbar, nutzten viele Firmen den vorteil­haften Stand­ort für ihre Produktion.
So entstanden auch allerlei Spielereien. Etwa das in Borsigwalde produzierte Amphicar, ein Wagen, der sowohl zu Land als auch im Wasser fährt. Sogar der amerikanische Präsident Johnson besaß ein solches Fahrzeug und jagte auf der heimatlichen Farm seinen Gästen gerne einen Schrecken ein, indem er auf den grundstücks­eigenen See zufuhr und vorgab, die Bremsen würden nicht funktionieren. Kaum fuhr das Auto ins Wasser, begann es aber zu schwimmen. Ein solches Modell empfängt den Besucher nun auch im Ephraim-Palais. Eine Leihgabe eines Privat­sammlers aus Westdeutschland übrigens. Die Bandbreite der West-Berliner Firmen findet sich in einem Industrie­regal wieder, in dem originale Berliner Produkte auf­gereiht sind. Vom Fernschreiber aus dem Hause Siemens über vakuumverpacktes Sökeland-Reisevollkornbrot bis zum Modell des Nilpferds Knautschke, einst Publikums­liebling der Berliner Zoobesucher.
„Die DDR war uncool. Diese Abwertung, die es heute noch gibt, war damals schon spürbar“, meint Beutelschmidt, der selbst in den 70er-Jahren nach West-Berlin zog, in Bezug auf das kulturelle Angebot des Ostens und in Anspielung auf Otto Schilys Äußerung, die DDR sei eine ästhetische Zumutung gewesen. Für die Westler gab es kaum Anreize, in den Ost­teil zu fahren, vielleicht mal ins Theater, oder um bestimmte Bücher kostengünstig zu erwerben. Wie sich dagegen die Architektur des Westens gestaltete, zeigt die Arbeit der Fotografin Mila Hacke, die unter dem Titel „Die Geschenke der Amerikaner“ den Einfluss der Alliierten auf das Stadtbild dokumentiert. Dieses wurde auch vom 1960 fertiggestellten Telefunken-Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz geprägt, der damit zur Chiffre für das architektonisch fortschrittliche West-Berlin avancierte. Auch das vor einem Jahr geschlossene legendäre Hotel Bogota taucht im Ephraim-Palais auf. Die Kuratoren konnten Teile der Inneneinrichtung retten und ließen die Tapete originalgetreu nachdrucken, sodass man nun in der Lounge des Bogota sitzen und dem „Sound of West-Berlin“ lauschen kann, einer Musikauswahl aus 40 Jahren West-Berlin, zusammengefasst in 50 Titeln.

WEST:BERLIN im Stadtmuseum

Neben allerlei informativen und humorvollen Geschichten erzählt die Ausstellung aber auch vom Umgang mit der politischen Situation der Teilung. Während die Bewohner des Westens frei in ihrer Entfaltung waren, erinnerte die Mauer immer an die Menschen auf der anderen Seite. Der SFB funktionierte darum VW-Busse in mobile Sendestudios um, die mit Lautsprecher­anlage auf dem Dach bis 1965 die Mauer entlangfuhren, internationale Nachrichten verkündeten und Appelle wie „Männer der Volkspolizei, Männer der Nationalen Volks­armee, fragt euch selbst, wie lange dieser unwürdige Zustand noch andauern soll“ an die Wächter der Ost­seite richteten. Die O-Töne sind über eine der damaligen Lautsprecheranlagen zu hören. Ergänzt wird die Ausstellung durch eine Projektion privater Fotos, die bei einem Aufruf des Stadtmuseums eingesendet wurden und das Alltagsleben in West-Berlin authentisch widerspiegeln.
Damit ist die Ausstellung kein Lobgesang auf den Westen und bewusst keine chronologische Aufarbeitung der Teilung. Vielmehr ist sie eine Spurensuche nach dem Lebensgefühl in Berlin-West, dessen Freiheitsversprechen weit über die Grenzen der Stadt hinaus lockte und von dem auch das heutige, wiedervereinigte Berlin seinen Glanz hat.

Text: Lea-Marie Brinkschulte

Fotos: Archiv Rolf Goetze / Stadtmuseum Berlin; Cornelius Maschke & Morlind Tumler /  Herbert Maschke, Berlin / PHIL_DERA / Ludwig Binder / Stadtmuseum Berlin; Unbekannt

WEST:BERLIN
im Stadtmuseum Ephraim-Palais, Poststraße 16, Mitte, Di, Do–So 10–18 Uhr, Mi 12–20 Uhr, ?14.11.–28.6.2015

 

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