Ausstellungen

Widerstand in Wilmersdorf

Atelierhaus_Sigmaringer1_2_c_Constanze_SuhrZum Kiezspaziergang im März erwartet Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann seine Gäste vor dem UCW an der Sigmaringer Straße 1 – ein 1955 errichtetes Verwaltungsgebäude für das Gesundheitsamt Wilmersdorf, das nach der Bezirksfusion zum Gründerinnenzentrum und Künstlerhaus mit 23 Ateliers wurde. Nach und nach versammelt sich die Spaziergangsgruppe, eine Menge grauer Haarschöpfe sind zu sehen. Vor der Tür laufen ein paar Künstlerinnen und Künstler der Atelieretagen des Hauses mit Protestschildern umher, mischen sich zaghaft unter die Menge. Doch so richtig interessiert scheint niemand, alles lauscht dem Bürgermeister, der nun den Wegeplan erläutert. Endlich kommt er auf das zu sprechen, was den anwesenden Kreativen auf den Nägeln brennt: „Im Zusammenhang mit einer Reihe von äußerst schmerzhaften Einsparungsbeschlüssen wegen einer Deckungslücke von jeweils rund 16 Millionen Euro in diesem und im nächsten Jahr“, holt Naumann aus, „hat das Bezirksamt unter anderem auch beschlossen, dieses Haus mit dem UCW und der Bibliothek zum Verkauf an den Liegenschaftsfonds Berlin abzugeben …“

In Charlottenburg-Wilmersdorf habe die bildende Kunst Tradition, wird auf der offiziellen Website geprahlt. Viele der ansässigen Kunstschaffenden sind allerdings der Meinung, dass man sich im Bezirk zu sehr auf Vergangenes und die sogenannte Hochkultur konzentriert und sich weniger für den „Humus“ einsetzt. Die Verlegung der Akademischen Hochschule der bildenden Künste aus der Straße Unter den Linden nach Charlottenburg Anfang des 20. Jahrhunderts bildete den Anstoß für die Entwicklung der Kunstszene im Westen. Schnell formierten sich auch die Gegner der akademischen Kunst im wilhelminischen Berlin mit privaten Kunstschulen und Ateliers. Die Berliner Secession zeigte 1899 ihre erste Ausstellung in der Kantstraße. Spuren derjenigen, die es sich leisten konnten, ein Atelier bauen zu lassen, finden sich in Charlottenburg-Wilmersdorf noch immer. Heinrich Zille hatte allerdings jahrelang in seiner Wohnung in der Sophie-Charlotten-Straße gezeichnet. Die Suche nach einem geeigneten Atelier hielt die meisten Künstler auch schon damals in Atem.

Die Kunstakademie an der Hardenbergstraße, inzwischen Universität der Künste, trägt mit Rundgängen und Ausstellungen noch immer zur Belebung des kulturellen Lebens im Bezirk bei. Doch Atelierplätze sind für die jungen Absolventen in der Gegend rar. Nicht weit von der UdK entfernt, im ältesten Teil Charlottenburgs direkt neben dem Rathaus, befindet sich der Künstlerhof Alt-Lietzow. Zu gern würden die dort arbeitenden Künstlerinnen noch mehr Kreative im Haus sehen, aber inzwischen zittern sie selbst um ihren Arbeitsplatz. Seitdem sich das von ihnen genutzte Gebäude im Liegenschaftsfonds befindet, „tickt für uns die Uhr“, so Regina Liedtke, die dort ein kunsttherapeutisches Atelier aufgebaut hat. Zwar bemühen sich die Nutzerinnen inzwischen, eine Möglichkeit zum Erwerb des Hauses zu finden, aber „die Zukunft ist weiter unsicher“, so Liedtke. Ihre Nachbarin Brigitte Arndt arbeitet bereits seit 27 Jahren im Haus und hat mit diversen Veranstaltungen und Ausstellungen versucht, „das Ganze hier in Charlottenburg lebendiger zu gestalten“. Im Laufe der Zeit hatten die Künstlerinnen festgestellt, dass dort um den Richard-Wagner-Platz herum zahlreiche Künstler ansässig sind. Viele seien gezwungen, große Wohnungen anzumieten und als Atelier zu nutzen, so Brigitte Arndt, „weil es keine Räumlichkeiten mehr gibt“.

Ein paar Meter weiter am Charlottenburger Ufer steht das Gebäude der ehemaligen Heliowatt-Werke, in dem Anfang der 1990er-Jahre auf Initiative der Atelier GmbH Künstlerateliers eingerichtet wurden. 2006 war Schluss mit Kunst, der Gründerzeitbau wurde an die Immobilienfirma Burnbrae Germany verkauft, die dort Luxus-Lofts bauen sollte. „Eine Investitionsruine“, sagt der Berliner Atelierbeauftragte Florian Schöttle. Anders als die Mieter des 2009 verkauften Atelierhauses K19 am Klausenerplatz, das seit 1976 existiert hatte, fanden viele der Künstlerinnen und Künstler von dort eine neue Heimat in der Babelsberger Straße, wo ein Privatbesitzer im Hinterhaus Ateliers zu erschwinglichen Preisen vermietet.
Vom Klausenerplatz weiter zum nördlichen Ende des Schlossgartens, an der Charlottenburger Schleuse steht wie ein gestrandetes Ufo aus vergangenen Zeiten das Gebäude der ehemaligen Urbin-Schuhcremefabrik. Der Bezirk wollte das seit Ende der 1960er-Jahre als Atelierhaus genutzte Gebäude am Nonnendamm ebenfalls veräußern. Doch mit Hinweis auf die Ateliernutzung hat die Senatsverwaltung für Finanzen eine Übernahme in den Liegenschaftsfonds abgelehnt.  

Über 700 Ateliers sind nach einer Studie des Berufsverbandes Bildender Künstler auf dem freien Markt in den vergangenen vier Jahren verloren gegangen. Aufgrund rasant steigender Mieten werden Künstlerarbeitsräume im Innenstadtbereich immer knapper. Für viele ist der Zug an die Peripherie keine Alternative, weil Wohn- und Arbeitsbereich dann zu weit entfernt liegen. Die vom Senat geförderten Ateliers, 2011/12 gab es 779, können bei 5?064 Bedarfsanmeldungen die Nachfrage bei Weitem nicht decken. Mit Hinblick auf den seit 2007 verdoppelten Bedarf wurde der Etat für das Atelieranmietprogramm bis 2013 um 300?000 Euro aufgestockt. Eine Aufstellung von geförderten Ateliers nach Bezirken gibt es derzeit nicht. Doch Charlottenburg-Wilmersdorf ist hauptsächlich Wohnbezirk. Gewerbegebiete, in denen man für Ateliers geeignete Gebäude finden könnte, existieren kaum.

Bevor die Kiezspaziergänger vor dem UCW an der Sigmaringer Straße weiterziehen, bekommt Michaela Habelitz, eine der im Haus arbeitenden Künstlerinnen, die Gelegenheit, eine kurze Rede zu halten und auf die offenen Ateliers am 13. Mai hinzuweisen. Eine kleine Gruppe von Künstlern steht noch vor dem Haus. So richtig erleichtert scheint niemand zu sein. Nachdem die BVV dem Verkauf der Sigmaringer Straße 1 einen Tag zuvor nicht zugestimmt hatte, soll das Gebäude in die treuhänderische Verwaltung der GSE gegeben werden, um die Ateliernutzung bis 2018 abzusichern. „Keiner der Künstlerkollegen wäre zurzeit in der Lage, stante pede auf dem freien Markt ein Atelier zu finden“, sagt Habelitz. Selbst Künstlerinnen wie ihre Nachbarin Angelika Mittendorf, die „auf internationalem Parkett“ arbeitet, sind auf geförderte Atelierräume angewiesen. „Charlottenburg steht noch deutlich besser da als Wilmersdorf. Aber hier … Verwaltungsbauten, ein paar Wohnhäuser, Banken, hier steppt ja nicht gerade der Bär.“

Text/Foto: Constanze Suhr

Weitere Informationen unter:

www.sigmaringer1art.de
www.altlietzow12.wordpress.com
www.kulturplus-berlin.de

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