Ausstellungen

„Wie kommt das Neue in die Welt?“ im Haus am Waldsee

berta_fischer_c_harry_schnittgerSeltsam, diese Fensterläden. Wie von unsichtbarer Hand geführt, bewegen sie sich auf und zu. Oder diese Bank. Statt einer horizontalen Sitzfläche offeriert sie spitz zulaufende Falten. Ob sich auf diesem kleinen Gebirge gut sitzen lässt, wenn überhaupt? Natürlich verbieten sich solche Fragen bei der Kunst. Sie muss nicht von praktischem Nutzen sein. Durch sie kommt das Neue in die Welt. Die Idee, ob brauchbar oder nicht. Aber wie? Dieser Frage geht die aktuelle Ausstellung im Haus am Waldsee nach, in Zehlendorf, wo das Haus mitten in einem schönen Garten am Wasser liegt. Vielleicht finden sich dort tatsächlich Antworten. Im Stundentakt öffnen sich die Fenster von Michael Sailstorfer und die weiße Bank von Jeppe Hein entlastet den Rücken. Große Raum-Installationen erwarten den Besucher und draußen auch noch der Skulpturenpark. Die „Trümmerbahn“ von Ina Weber kann zum Minigolf genutzt werden. Aber dies nur am Rande, denn den Park mit Arbeiten von Tony Cragg, Daniel Pflumm, Thomas Rentmeister oder Francis Zeischegg gibt es schon länger. Nun wird auch das Innere des Gebäudes zum Bildhauertreff. Innen und außen ergänzen sich bestens.

Neun internationale, in den 1970er-Jahren geborene und heute in Berlin lebende Bildhauer hat die Leiterin des Hauses, Katja Blomberg, versammelt. Gut vertreten sind die Künstler der Galerie von Johann König, der freilich auch einige der interessantesten Bildhauer vertritt. Neben Sailstorfers schwingenden Fensterläden und Heins „Modified Social Bench P“ ist Alicja Kwades „Animal metaphysicum (Im Bogen zurück)“ zu sehen. Porzellanfiguren im Gewand des Rokoko tanzen im Kreis, als wären sie frisch aus der Königlichen Porzellan-Manufaktur in die Neuzeit gebeamt worden. Mit solchen Kontextverschiebungen, Irritationen der Wahrnehmung, Neuordnungen und Umwertungen der Dinge arbeiten hier alle Künstler. Die Schau versucht, den Betrachter mit der Frage nach dem Innovationsgehalt der aktuellen Bildhauerei zu konfrontieren. Was ist wirklich neu?
Berta Fischers (Foto oben) ephemere Gebilde aus Acrylglas sind auf jeden Fall eine Entdeckung. Sie lässt feste Materialien leicht und transparent aussehen. Ihre farbigen Objekte ragen in den Raum hinein, in dem sie stehen, von der Decke hängen oder an der Wand befestigt sind. Aus einer planen Fläche, die sie mehrfach aufschneidet, biegt und faltet, schafft sie erstaunlich komplexe, räumliche Gebilde.

michael_beutler_c_harry_schnittgerDreidimensionalität als solche ist nicht neu. Wie aber das Alte variiert werden kann, das zeigen auch ihre Kollegen. Michael Beutler (Foto) besetzt gleich ganze Räume mit einer Werkstatt. Hier also, im Bastelkeller, kann etwas geboren werden. Sein großes Ensemble, „La Cacahuиte (workbenches)“, besteht aus Werkbänken zur Färbung von Papier, Faltung, Pressung. Was technisch nicht immer gelingt, imaginiert zumindest diese Produktionsstätte. Katinka Pilscheur unternimmt keine Anstrengung, um die Aura des Werkstoffhandels abzustreifen. Sie zeigt quadratische, mit Motorradlack beschichtete Bilder. Natalia Stachon hat wie als Antwort darauf einen dreiteiligen Rahmen aus Kupferprofilen an die Wand gelehnt. Ihr Rohrgebilde „Drift 02“ hängt waagrecht. Man sieht eine Skulptur – oder auch nur Rohstoffe aus dem Baumarkt. Für die Metaphysik ist ein Künstler japanischer Herkunft zuständig: Reijiro Wada. Seine Arbeiten strahlen Ausgeglichenheit und Ruhe aus, sodass man den Blick gar nicht mehr abwenden möchte von seiner schwimmenden „Isola“ auf dem Wasser. Es ist immer noch schön, wenn ein Künstler der Konstruktion einen tieferen Sinn mitgibt, so wie das hier etliche tun. Ob sie nun um die Ecke denken oder, wie Wada, an die Minimal Art anknüpfen.

Der Japaner arbeitet gern mit Wasser. In der Marienburger Straße gestaltete er einen Brunnen aus kaskadenartig aufeinander geschichteten Steinplatten, an denen Wasser herabfließt. Im Haus am Waldsee lässt er mit Blech eingefasste Glasplatten wie Seerosen übers Wasser gleiten. Das Feste wird mit dem Flüssigen in Verbindung gebracht und mit Bewegung, die die feste Bildhauerei zum veränderlichen Bild werden lässt. Eine Veränderung der Aggregatzustände spricht der Italiener ­Luca Trevisani an. „Solid, liquid, gassy, and then again solid, liquid, gassy, and then again …“. Der Kreislauf wird hier durch eine Kons­truktion aus schwarzen Krücken, Gips und Teebeuteln ausgedrückt. Schon merkwürdig. Aber das gehört dazu, wenn das Neue in die Kunst-Welt tritt. Trevisani löst die Statik auf, wie Wada, der Meditative, und Sailstorfer, der Spitzfindige. Für Bildhauerei mögen die Arbeiten ungewöhnlich erscheinen. Aber das muss so sein, setzt doch die Produktion von Neuem zunächst einen Perspektivenwechsel voraus. Ihn fordern die Künstler auch vom Betrachter. Indem sie das Verhältnis von Zwei- und Dreidimensionalität jenseits der Zentralperspektive neu ausloten, brechen sie eingefahrene Denkmuster auf. Sie überraschen, und das ist vielleicht das Wichtigste, damit das Neue in die Welt kommt.

Text: Andrea Hilgenstock

Fotos: Harry Schnittger

Wie kommt das Neue in die Welt? Neun internationale Bildhauer in Berlin Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, Zehlendorf, Di–So 11–18 Uhr, 6.6.–26.8.

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