Ausstellungen

Wiedereröffnung des Neuen Museums Berlin

Neues_Museum
Opulent, erlesen, weitläufig – Museumsgenuss pur! Alle Chipperfield-Puristen können sich entspannen. Leer war das Haus ein Hit; eingeräumt bleibt es ein Hit. Das Neue Museum ist auch mit Vitrinen und Sockeln, Sarkophagen und Statuen eine Augenweide. Auf 8550 Quadratmetern reihen sich die Schätze des Ägyptischen Museums, der Antikensammlung und des Museums für Vor- und Frühgeschichte aneinander. Die von dem britischen Architekten betriebene „archäologische Restaurierung“, seine akribische Spurensicherung, verbindet sich ohne Mühe mit den Hinterlassenschaften untergegangener Kulturen und Völker. Alles hier ist Fragment: das Haus, die Sammlungen, die Objekte.

Selbst die von vielen als zu schlicht empfundenen neu gebauten Säle – von Pappmachй und Ikea-Look war die Rede – geben den angestrebten zurückhaltenden Rahmen für die grandiosen Grabkammern ab, die so noch nicht zu sehen waren. Überhaupt gibt es viel zu sehen, was noch gar nicht oder lange nicht mehr ausgestellt worden ist. Selbst eingefleischte Kenner der Sammlungen kommen voll auf ihre Kosten. Ausgeblichene Skelette ruhen im Sand; Schalen und Krüge ragen aus dunkler Moorerde; goldene Schmuckstücke glänzen vor türkisfarbenen Wänden; edle Köpfe schweben in schlanken gläsernen Vitrinen. Der „Elch vom Hansaplatz“, ausgegraben 1957 beim Bau der U-Bahnlinie 9, findet hier ebenso Platz wie die Ikone der Berliner Sammlungen schlechthin, die schöne Nofretete. Massige Steinfiguren lassen die Zeit vergessen, und alte Vitrinen erinnern an vergangene Mu­seums­­insze­nie­rungen. Neu und Alt begegnen sich auf Schritt und Tritt, ohne je eine Konfrontation heraufzubeschwören. Die Atmosphäre ist außerordentlich stimulierend.

Architekt, Restaurierungsarchitekt, Ausstellungsplaner und die Museumsfachleute haben lange gemeinsam an der Konzeption gefeilt. Die Museumsdirektoren legten schon vorher Experimentierphasen ein, suchten mit Sonderausstellungen den Bedürfnissen ihrer Besucher auf die Spur zu kommen. Herausgekommen ist eine lichte, übersichtliche, weder mit Texten überfrachtete noch mit Vitrinen vollgestopfte Präsentation. Der Parcours bietet den Besuchern viele Möglichkeiten an. Man kann sofort zu Nofretete eilen und vom Nordkuppelsaal aus, einem der schönsten Räume überhaupt, auf einer langen Sichtachse die enormen Dimensionen des Baus bestaunen und am Ende, unter der Südkuppel, Helios bewundern, strahlender Sonnengott aus Marmor. Neues_MuseumMan kann auf der Ebene Null gen Himmel bli­cken und die Dimensionen des Griechischen und Ägyptischen Hofs einatmen. Man kann im dritten Stock dem Neandertaler ins Auge schauen oder einen 45.000 Jahre alten Faustkeil begutachten – sieht aus wie neu! Hier wurde auch der berühmte Goldene Hut ins rechte Licht gerückt.
Überhaupt das Licht. Nicht nur das künstliche. Die Sonne spielt auf den Wänden. Wolken filtern die Stimmung. Die Ausblicke sind auf allen Seiten des langgestreck­ten Baukörpers fantastisch und neu! 70 Jahre hat es gedauert, von der Schließung 1939 über die Zerstörung 1944 bis zu den neuen Planungen 1999 und zum Wiederaufbau. Mit der Eröffnung geht die Nachkriegszeit auf der Berliner Museumsinsel zu Ende. Das Weltkulturerbe ist wieder komplett: ein geschichtsträchtiger Moment.

Mitte des 19. Jahrhunderts musste sich das Museum für Vor- und Frühgeschichte, damals die Sammlung Vaterländischer Altertümer, mit dem Ägyptischen Museum, der Ethnografischen Sammlung und dem Kupferstichkabinett das Schloss Monbijou teilen. Die permanenten Ankäufe von Sammlungen waren bald nicht mehr unterzubringen. 1841 stimmte Friedrich Wilhelm IV. dem Bericht des ersten Generaldirektors der Königlichen Museen Olfers zu, dass die gesamte Spree-Insel „zu einer stillen und reichbegabten Freistätte für Kunst und Wissenschaft“ werden sollte. Hinter Schinkels Altem Museum begannen noch im selben Jahr die Bauarbeiten; 1843 wurde der Grundstein für Stülers Entwurf gelegt. Aufgrund technischer Probleme und politischer Unruhen (1848) dauerte es bis 1866, ehe das modernste Museum seiner Zeit komplett eingeräumt war, Gipsabgüsse neben Kupferstichen, ethnografische Objekte neben vaterländischen Altertümern zu sehen waren.

Die reiche Innenausstattung, die bemalten Wände und Säulen, die riesigen Wandbilder, die himmelblauen Decken lockten die Besucher in Scharen. Das Neue Museum hatte vom ersten Tage an eine enorme Anziehungskraft. „Artem non odit nisi ignarus“ – „Nur der Unwissende hasst die Kunst“ steht über der Westfas­sade. Geblieben ist davon fast nichts. Ein paar zu DDR-Zeiten aufbewahrte bemalte Mauerreste werden jetzt im Bernwardzimmer präsentiert. Aufbaupläne hat es in der Nachkriegszeit immer wieder gegeben. Aber es blieben Pläne. Als am 1. September 1989 endlich der Grundstein für den Wiederaufbau des Neuen Museums in Ost-Berlin gelegt wurde, war es zu spät. Die Wende fegte alle Pläne vom Tisch. Es musste neu gedacht werden.
Neues_MuseumTrotzdem, die Wende war besonders für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums für Vor- und Frühgeschichte die Erfüllung eines Traumes, denn die Sammlung war nach Kriegsende total auseinandergerissen. Dokumente, Kataloge, Erwerbungs­listen, Objekte – überall fehlte etwas. Dass der Schatz des Priamos in Moskau als Beutekunst in Kis­ten verpackt geblieben war, hielten die Mitarbeiter auf der Museumsinsel für westliche Propaganda. Auch wenn die Westkollegen, zu denen man trotz Androhung von Strafe Kontakte unterhielt, immer wieder solche Vermutungen anstellten. 1993 wurde offiziell von russischer Seite eingeräumt, dass die drei „Goldkis­ten“ (und anderes mehr) tatsächlich in Moskau lagern. Die Mitarbeiter des Museums reden über die Wiedervereinigung heute noch mit strahlenden Augen. Für sie war vor 20 Jahren ein Albtraum zu Ende gegangen. Auch wenn die nach Russland verschleppten Kostbarkeiten immer noch nicht zurückgekehrt sind: Die Hoffnung gibt keiner auf, schließlich habe Schliemann seine Funde 1881 „dem deutschen Volke zu ewigem Besitze und ungetrennter Aufbewahrung in der Reichshauptstadt“ vermacht.

Die 31 Meter hohe nüchterne, erhabene Treppenhalle erwartet gelassen den Ansturm der Besucher. Am 17. Oktober 2009 öffnet sich das Portal für die, die das alles möglich gemacht haben: die Steuerzahler in Bund und Land. „Luxus für alle“ als zweite Inschrift über der Westfassade des Neuen Museums? Das wäre angemessen.


Text
: Claudia Henne (Kulturredakteurin rbb)
Bildergalerie: Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Achim Kleuker

Neues Museum
Sa 17.+ So 18.10., 10 bis 18 Uhr Tage der offenen Tür, Eintritt frei
So-Mi 10-18 Uhr, Do-Sa 10-20 Uhr, ab 17.10.
23., 27.-28., 30.3., 19 Uhr,
22., 29.3., 15 Uhr,
www.smb.museum/neuesmuseum

 

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