Ausstellungen

„Wien Berlin“ in der Berlinischen Galerie

Lerch_Maedchen-mit-HutSeit geraumer Zeit geht nichts in der Berliner Küche ohne ein resches Wiener Schnitzel. Das gab es schon einmal. Bereits das „Cafй Größenwahn“, eigentlich Cafй des Westens und legendärer Treffpunkt der künstlerischen Avantgarde, war um 1900 berühmt für seine Wiener Spezialitäten. Und die Österreicher Max Reinhardt, Emil Orlik, Oskar Kokoschka und Max Oppenheimer gehörten bald zum harten Kern des „Größenwahn“ – der schnod­drige Terminus war vom Wiener Literatencafй Griensteidl nach Berlin adaptiert worden – sowie seines Nachfolgers, des Romanischen Cafйs.

„Die Wiener und Berliner Künstler im Kaf­fee­haus zu beobachten, ist nicht der schlechteste Ausgangspunkt, will man die bislang kaum erforschte wechselseitige künstlerische Beziehung der Wiener und Berliner Moderne nachzeichnen“, sagt Ralf Burmeister, Kurator der aufregenden Ausstellung mit dem braven Titel „Wien Berlin. Kunst zweier Metropolen. Von Schiele bis Grosz“. So kann man das Cafй des Westens als Redaktionsbüro der Avantgarde-Zeitschrift „Der Sturm“ bezeichnen, die der rührige Projektemacher Herwarth Walden herausgab. Sie galt als Plattform für Kokoschkas wegweisende Kunst: So erschien hier neben etli­chen Zeichnungen 1910 sein drastisches, von ihm kongenial illustriertes Drama „Mörder, Hoffnung der Frauen“ – das erste expressionis­tische Stück überhaupt. Es bekam größte Aufmerksamkeit bei den deutschen Künstlern. Für Oskar Schlemmer bedeuteten Kokoschkas Blätter „eine Erschütterung im Gebäude der modernen Kunst“.

Von Interesse: Erschwingliche Kunst – Editionen machen die Werke großer Künstler erschwinglich. 

Museum_Berlin_Wien_Berlin_Gustav_Klimt_Johanna-StaudeIn ihren psychologisierenden Bildern erweisen sich Kokoschka und Egon Schiele als würdige Erben Sigmund Freuds. Zweifelsohne hatte Wien um 1900, als die „Traumdeutung“ erschien, die Matrix der Moderne inne. Zu deren prominentesten Exponenten zählt Gustav Klimt. Er malte meist hochstilisierte, goldfunkelnde Portraits. Dagegen besticht sein aus dem Wiener Belvedere entliehenes Bildnis der Johanna Staude durch Schlichtheit. Offenbar reizte Klimt vor allem das türkise Printmuster ihrer neben dem Gemälde in Berlin auch gezeigten Bluse aus den Wiener Werkstätten. Diese „Productiv-Genossenschaft von Kunsthandwerkern in Wien“ wandte sich gegen das „grenzenlose Unheil (…) der schlechten Massenproduktion“.

Die Ausstellung räumt mit allerlei Klischees auf, wie dem notorisch gemütlichen, alles ästhetisierenden Wiener versus den raubeini­gen, sezierenden Berliner. Der bissige Dadaismus Berliner Prägung fiel in Wien zwar auf keinerlei fruchtbaren Boden. Doch rühmte sich einer ihrer Wortführer, der gebürtige Wiener Raoul Hausmann, „der größte Experi­mentator Österreichs“ zu sein. Hingegen arbeiten etliche österreichische Maler im Stil der Neuen Sachlichkeit. Als „österreichischer George Grosz“ kann Carry Hauser gelten. Eine Spezialität der Wiener Kunst der 20er-Jahre war der Kinetismus, der wie in Erika Giovanna Kliens „Lokomotive“ den Futurismus weiterentwickelt. Künstlerinnen wie Klien oder Friedl Dicker dürften Entdeckungen für die Berliner Besucher sein. Dickers’ 1932/33 entstandene Fotomontagen thematisieren, ähnlich wie John Heartfield, komplexe Beziehungen zwischen sozialem Elend, wirtschaftlicher Ausbeutung und mili­tärischer Aufrüstung.

Text: Martina Jammeres

Foto: Belvedere, Wien (Franz Lerchs „Mädchen Mit Hut“, oben), Johanna Staude, Museum Berlin (Gustav Klimt, unten)

Wien Berlin Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 24.10.–27.1.

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