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Wilde Welten im Georg Kolbe Museum – Teil 2

WildeWelten_SarottiEiner der aktivsten Impresarios Hagenbecks, der Norweger Johan Adrian Jacobsen (1853-1947), schilderte die von ihnen ausgehende Faszination insbesondere für die weibliche „nubiertolle“ Klientel in seinem gebrochenen, aber plastischen Deutsch so: „Die Nubier mit ihren schlanke Wuchs und Bronsche Haut, nur wenig bekleidet reitzsten den jungen Geschöpfen am meisten. Täglich kunte man eine solschen Verliebtes Mägdelein, den Hand oder Arm eins solchscher braunen Adonis, halben Stunden lang, streicheln und befühlen sehen.“ Allen Erns­tes bedurfte es im Berliner Zoo einer Truppe „gut bewafneter Polizisten“, um die mühsam herbeigeschafften Nubier, die von ihren Verehrerinnen zum Verbleib aufgestachelt waren, definitiv zum Abzug zu bewe­gen. Nicht nur die Großstadtgeräusche und eklatantes Heimweh machte der 1877 eingeführten Eskimotruppe in Berlin zu schaffen, sondern auch Frugales: „Seehundsfeisch vermissen wir sehr groß!“

Die Verbindung des Exotischen mit dem Sinnlichen sticht ins Auge. Nicht nur der bekannte und servile, vor allem aber niedliche „Sarottimohr“ in Gestalt eines „stummen Dieners“ musste herhalten als Animateur für Genüsse aus Übersee. Auch „Palmefka“, die „feinste Pflanzenbutter-Margarine“, wird geflissentlich serviert von einer schwarzen Hofschranze mit aus Kontrastgründen blütenweißem Mühlsteinkragen. Wenig rühmlich war die Rolle des in Berlin gepriesenen Rudolf Virchow, der sich begeisterte für die „Rassenportraits“: Um möglichst genaues anthropologisches Material zu sammeln, nahm man den Beteiligten der Völkerschauen sogenannte „Lebendmas­ken“ ab. Den Personen wurde Gips auf dem Gesicht aufgebracht, sodass sich später phy­siogno­mische Details abzeichneten. „Wenn man bedenkt, dass es für viele außereuropäische Menschen bereits eine große Überwindung bedeutete, sich fotografieren zu lassen, muss die Abnahme von Gipsen eine regelrechte Tortur gewesen sein“, resümiert Christiane Wanken. WildeWelten_Salomo-InsulanerDa wirken die Porträts der Südseeinsulaner, die Emil Nolde während einer Expedition des Reichskolonialamtes 1913 anfertigte, schon humaner. Der Maler hatte die Hoffnung, in der deutschen Kolonie Neuguinea dem „Urmenschen“ zu begegnen. Nolde zeichnete auf dieser Reise 200 Aquarelle, darunter zahlreiche Typenporträts der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen des Südpazifik. Durch die frontale Darstellung eignet diesen Bildern etwas Maskenhaftes. Nolde changiert mit seinem Konvolut exemplarisch zwischen der Ablehnung des wilhelminischen Kolonialismus und der Annahme einer europäischen Rassenideologie. Be­stri­­ckend hingegen ist seine Birma-Tänzerin von 1913.

Geradezu floral bietet sich Ernst Ludwigs Kirchners ein Jahr zuvor erschaffene „Liegende“ dar: Das augenfällige Schwarz ihrer Haarpracht sowie des Schamdreiecks markieren das Erotische. Fritz Behn, der mehrfach nach Afrika reiste und vor Ort Fauna, Flora sowie die Bewohner studierte, versinnbildlicht in seiner Plastik „Tanzender Afrikaner“ mit übergroßen Füßen und grimassierendem Gesicht die von ihm wiederholt vorgetragene Überlegenheit der „weißen Rasse“ und sein Malmot: „Ein warnendes Beispiel sei uns Amerika, das längst seine Humanitätsfrage in der Negerfrage bereut.“
Bahnbrechend für viele Künstler wurde Carl Einsteins 1915 erschienene Studie über „Negerplastik“, in der er erstmals die ästhetischen Prinzipien afrikanischer Plastik würdigt. Einen reinen Exotismus verurteilt er darin als „unproduktive Romantik“. Weit entfernt von derartigem Sentiment ist Sophie Wolffs markante Büste „Negerin“ (um 1916). Trotz ihres kleinen Maßes von nur 21 Zentimetern bietet die kompakte Darstellung mit ihrer trotzigen Physiognomie und der unge­wöhn­lichen Bemalung der Bronze „Europas Nasenpopel“ selbstbewusst Paroli.

Text: Martina Jammers

Wilde Welten
im Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, Charlottenburg,
Di-So 10-18 Uhr, Eröffnung: So 24.1., 11.30 Uhr, 24.1.-5.4.2010

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