Ausstellungen

„Wilde Welten“ im Georg-Kolbe-Museum

„Europa, dieser Nasenpopel aus einer Konfirmandennase“, ätzte 1913 der Pfarrerssohn Gottfried Benn in Versen. Den Ausweg kennt der junge Arzt und Dichter auch: „Wir wollen nach Alaska gehn.“ Mutmaßt der zi­vi­lisationsverdrossene Dichter doch dort den „Meermensch, den Urwaldmensch, der alles aus seinem Bauch gebiert“. Bloß weg hier – vom übersättigten Milieu des Fin de siиcle, manifestiert durch plüschige Salons, angefüllt mit dem Plunder der Gründerzeit.

Die Sehnsucht nach dem Außereuropäischen gedieh spätestens ab den 1880er Jahren auch im Deutschen Reich, das im nationalen Vergleich erst spät zu seinen Kolonien in Afrika und in der Südsee gelangte. Umso intensiver blühten die Fantasien, gerade auch im Künstlerischen. Kein Zufall ist es, dass Sigmund Freud seine 1899 erschienene „Traumdeutung“ exakt auf 1900 vordatiert, in der er das eigene, „innere Afrika“ erkundet. Das Unbewusste ist jener archaische, unkontrollierbare Kontinent, den es auszuloten, ja zu vermessen gilt. Im Ursprünglichen des „Wilden“ mutmaßt man das eigene Alter Ego. Als am Vorabend des Ersten Weltkrieges für die Deutschen die Endphase des Kolo­nialismus einsetzte, schritt hier zeitgleich die Avantgarde mit Siebenmeilenstiefeln voran. Nicht nur die Brücke-Künstler und die Gruppe um den Blauen Reiter sind fasziniert von dem Unmittelbaren, Ungeschlachten, Unverfälschten, das sie in der außereuropäischen Kultur zu ent­decken glaubten. Diese Faszination des Präfixes „un“ als Ge­genwelt zur bislang akzeptierten Nomenklatur der europäischen Hochkunst schlägt sich bei Nolde, Kirchner und Pechstein nieder in bewusst grob gehauenen und grell bemalten Skulpturen, in der Begeisterung für markante Rhythmen und eine Formensprache jenseits der seit der Renaissance eingetrichterten klassizistischen Akademieideale.

Das Georg-Kolbe-Museum spürt nun diesen „Wilden Welten“ in vier Kapiteln eingehend nach, sei es in der „Hochkunst“, sei es in der Alltagskultur. Ausdrück­lich strebt die Ausstellung nicht den x-ten Vergleich an zwischen den Artefakten und magischen Idolen der sogenannten „Primitiven“ einerseits und der europäischen Avantgarde andererseits, wie ihn zuletzt die in Riehen/Basel etablierte Fondation Beyeler in einer hinreißenden Ausstellung gezogen hat.WildeWelten_Palmefka
„Wir wollen den Fokus stattdessen bewusst auf die europäische Sicht lenken“, betont Kuratorin Christiane Wanken das Konzept der Ausstellung. Das Thema der Schau ist die Aneignung des Fremden, nicht das Fremde selbst. „Das Fremde ist vor allem ein psychologisches Phänomen“, gibt Museumsleiterin Ursel Berger zu bedenken. „Es verstört, irritiert, provoziert, fasziniert und wird als minderwertig betrachtet. Die jeweiligen historischen Vorstellungen vom Fremden sagen also mehr aus über die eigene Gesellschaft als über das Fremde selbst.“ Befremdlich bis haarsträubend für uns Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts wirken allemal die „Hagenbeck’schen Völkerschauen“. Der sinkende Absatz im Tierhandel (!) bewog den Zoochef Carl Hagenbeck um 1870, sein Angebot um „anthropologisch-zoologische Ausstellungen“ zu erweitern. Hier präsentierte er neben wilden Tieren auch „wilde Menschen“, die für das europäische Auge „exotisch“ erschienen und in einem vermeintlich authentischen Lebensumfeld zur Schau gestellt wurden. Zu den Inszenierungen gehörten Reiterspiele und Waffentänze ebenso wie das sogenannte „einfache Leben“.

Statt Schimpansen studierte der gaffende Zoobesucher nun exotische Völker, zumeist tatsächlich auf den Terrains der angestammten Tiergärten. Es begann 1874 mit einer Schau über „Berglappen“, in der in Hamburg, Berlin und Leipzig dem staunenden Publikum neben Rentieren drei Männer, eine Frau, ein vierjähriges Mädchen sowie ein weiblicher Säugling präsentiert wurden. Über „Patagonier“ (1879), „Ceylonesen“ (1882) und „Kal­mü­cken“ (1883) aus dem Wolgagebiet kam die Sensationsgier auf ihre Kosten, über das reüssierende „Amazonencorps“ (1892) bis zu den „50 Wilden Kongoweibern“ (1913) und den „Amerikanischen Cowboys“ (1916) sowie schließlich den „Kaledoniern“ (1931). Einen außergewöhnlichen Erfolg verzeichnete die Nubier-Ausstellung 1876 aus dem Sudan – Leni Riefenstahl lässt grüßen: 30.000 Menschen pilgerten an einem einzigen Tag nach Breslau, um sich die hochgewachsenen Exoten leibhaftig zu vergegenwärtigen. Carl Hagenbeck nutzte das Interesse für Reklamezwecke und trabte mit den Nubiern in Equipagen durch die schlesische Stadt und kehrte mit ihnen in den vornehmsten Restaurants ein. Es war ein bestimmter Grad von Fremdheit notwendig, um die Völkerschau für das Publikum attraktiv zu gestalten. So scheinen physische Charakteris­tika sowohl spektakulärer als auch ästhetischer Art zu den wesentlichen Merkmalen gehört zu haben.

Bilder: Skulpturensammlung/Staatliche Kunstsammlung Dresden, Albertinum; Staatliche Museen zu Berlin/Kunstbibliothek

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