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Will McBride ist tot

Will McBride ist tot

In der Nacht zum Donnerstag starb der in Berlin lebende Künstler. Wir erinnern mit einem älteren Text an einen der bekanntesten Berlin-Fotografen der letzten Jahrzehnte. Noch vor wenigen Wochen feierte er die Eröffnung seiner Ausstellung bei C/O Berlin.

Selten löst Kunst heute noch einen echten Diskurs aus, einen, der außerhalb der Kunstwelt geführt wird, quer durch die Gesellschaft. Die Zeit der ideologischen Grabenkämpfe scheint vorbei, die meisten Tabus sind gefallen. Das moderne Deutschland ist weitgehend liberal, Zensur geradezu ein Fremdwort, und den Rest regelt der Kunstmarkt. In dieser Situation betritt Will McBride den Schauplatz des Geschehens und könnte für Durcheinander sorgen, ein wenig Staub aufwirbeln.

Der Fotograf und bildende Künstler hat mit seinen Aufnahmen von Romy Schneider, Konrad Adenauer und John F. Kennedy Geschichte geschrieben, er ist ein Klassiker der deutschen Nachkriegsfotografie, durchaus vergleichbar mit Robert Lebeck. Bis jetzt ist noch alles in Ordnung. Der Italienkenner und überzeugte Kriegsgegner gilt jedoch auch als Chronist der sexuellen Befreiung, seine Fotostre­cken für das legendäre Magazin „Twen“, in denen er unverkrampft und ohne einen Hauch von miefigem Voyeurismus auf die Sexualität von Frauen, Männern und Kindern blickte, waren revolutionär. Ja, sie haben richtig gelesen, die Sexualität von Minderjährigen. Ein Thema, dem er treu geblieben ist.

Will McBride malt heute großformatige, farbenfrohe Bilder von Jungen. Mal toben sie
unbekümmert am See herum, sie feiern ostentativ beim Christopher Street Day oder liefern sich eine Stra­ßen­schlacht mit der Polizei. Sie sind oft nackt,unbekümmert, jugendlich frisch. „Ein Junge hat Eigenschaften, die nach und nach im Alter verschwinden: Impulsivität, Ehrlichkeit, Emotionalität, und er ist tendenziell lebensbejahend“,erklärt McBride. Er hat auch ein Bild von einem erwachsenen Mann und einem Jungen gemalt, auch sie sind beide nackt und sitzen umschlungen, Arm in Arm, um sie herum glotzen rotäugige Hunde. Ob man will oder nicht, die Gemälde we­cken
Emotionen. Wut vielleicht, Unverständnis, in jedem Fall sind sie kontrovers.

Der berühmte Kunstsammler Gunter Sachs, ein Freund von McBride, forderte den Maler, wie er selbst sagte, empört auf, „den pädophilen Scheiß von seinem Grundstück zu entfernen“.Dabei faszinieren jugendliche Sexualität, Lolitas und Lustknaben die Künstler seit jeher, und oft sorgten ihre Arbeiten für handfes­te Skandale. Der amerikanische Fotograf Jock Sturges lichtete junge Mädchen ab, was ihm den Vorwurf der Kinderpornografie und die Beschlagnahmung seines Archivs einbrachte. Der Maler Balt­hus hingegen, zu dessen Fans Rockstars wie Mick Jagger und Bono zählen,
porträtierte minderjährige nackte Mäd­chen in anzüglichen Posen und residierte bis zu seinem Tod seelenruhig in einem Schweizer Chвlet. Die renommier­te Fotografin Sally Mann, die ihre Tochter nackt abbildete, bekam es mit Autoritäten zu tun, ebenso die Regisseure David Hamilton und Larry Clark. Sie setzten sich mit dem Thema, wohlgemerkt auf sehr unterschiedliche Weise, in ihren Filmen auseinander. Nur von Wilhelm von Gloeden, dem deutschen Fotografen adliger Herkunft, der im 19. Jahrhundert griechische Jünglinge im Adams­kos­­tüm festhielt, sind keine Schwie­rigkeiten mit etwaigen
Sitten­wäch­tern überliefert. Seine Kna­ben­akte waren einst als Postkarten ein
Verkaufsschlager.

Die Beschäftigung von Künstlern mit der Sexualität von Min­der­jährigen kann verschiedene Gründe haben, durchaus auch pädophile. Von dem Schriftsteller Lewis Carroll, der nicht nur den Klassiker „Alice im Wunderland“ schrieb, sondern auch gerne Fotos von halbnackten Mädchen machte, ist bekannt, dass er sich von Alice Liddell, der Tochter eines befreundeten Professors und Vorlage für seine Alice, zumindest erotisch angezogen fühlte. Die Beweggründe des Vaters von drei Söhnen Will McBride sind andere, sie sind phi­losophischer Natur und wurzeln in seinen Erfahrungen aus der Zeit der sexuellen Revolution in den 70er Jahren. „Meine Bilder richten sich gegen die Kriegsvorbereitung von Jungen durch die Normen und Regeln der Gesellschaft“, sagt McBride, der es als die notwendige Pflicht eines Künstlers ansieht, gegen den Krieg zu arbeiten. „Wir haben Aufklärungsarbeit schon immer auch als Friedensarbeit betrachtet“, resümiert er.

1974 erschien bereits McBrides Buch „Zeig mal!„, eine Anleitung für anschauliche und wirklichkeitsnahe sexuelle Aufklärung. „Es soll Kindern ersparen helfen, in Zusammenhang mit Sexualität Angst und Schuldgefühle zu erleben“, schrieb damals das „Deutsche Pfarrerblatt“. Das Buch zeigte Aufnahmen von Kindern in Posen, die heute schnell als Kinderpornografie abgetan würden. Was heute ein Tabu ist, war vor 30 Jahren ein Verkaufserfolg, obgleich es schon damals heftig bekämpft wurde, von der katholischen Kirche, der Boulevardpresse und kon­servativen Politikern. Auf der anderen Seite des ideologischen Grabenkampfes stand die sexuell halbwegs befreite 68er-Bewegung und forderte eine neue Sexualmoral. Statt von Kriegsspielzeug und
Männlichkeits­ritualen geprägt zu werden, sollten die Jungs Liebesfähigkeit erlernen und die Mädchen sich von Komplexen und Unterwerfungsmustern befreien. „Ein Kind, das lernt, eine gute Beziehung zu seinem Körper aufzubauen, entwickelt sich zu einem friedfertigeren Erwachsenen„, sagt McBride.

Das alles hat nichts mit dem sexuellen Missbrauch von Minder­jährigen zu tun, obgleich konservative Politiker und reißerische Privatmedien es gerne so darstellen. Für McBride geht es einfach um die alte Parole „Frieden schaffen ohne Waffen“. Das sehen seine Gegner anders, etwa die Kinderpsychologin und Autorin Christa Meves. Für sie ist klar, dass der heutige Kindesmissbrauch eine bittere Frucht der 68er-Bewegung ist. Quell allen Übels ist übrigens der Kinderladen, wo den Kindern eine „polymorph-perverse Sexualität“ anerzogen wurde, ganz im Sinne des marxistischen Menschenbildes.

Dieser Diskurs ist ganz offensichtlich immer noch nicht abgeschlossen, Will McBrides Ausstellung könnte ihn sogar neu entfachen.

Text: Jacek Slaski

Foto: Wolfgang H. Woegerer, Wien/ WikimediaCommons

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