Ausstellungen

„William Wauer und der Berliner Kubismus“ im Kolbe-Museum

Staatsbibliothek Berlin, Preuß0ischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung

Wie eine Sphinx schaut einen der Porträtkopf Herwarth Waldens an: tiefe Augenhöhlen, knöchriger Nasenhöcker, energisches Kinn und bauschige Liszt-Frisur. Dynamik verleiht eine schwungvoll überlange Halskurve. Der dargestellte Schriftsteller und Verleger des „Sturm“ äußerte sich euphorisch über den Bildhauer Wilhelm Wauer, der ihn 1917 so verewigt hat: „Die absolute Plastik schuf Wilhelm Wauer.“ Habe doch dieser das Problem gelöst, das Gegenständliche „unmittelbar plastisch, also ohne Nachahmung der Natur zu gestalten“. Kurator Marc Wellmann identifiziert den Kubismus als Spiritus Rector für solch unterschiedliche Strömungen wie den italienischen Futurismus, russischen Konstruktivismus und vor allem den deutschen Expressionismus. Die Berliner Schau ist die erste, die der kubistischen Plastik gewidmet ist. Die Exponate wirken sehr gegenwärtig in ihrer Reduktion der Körper auf geometrische Grundformen wie Kubus und Zylinder. Sie strotzen vor Kraft wie Rudolf Bellings „Kombattanten“ aus Muschelkalk. Sie dehnen die Sehnen wie beim Pilates in Oswald Herzogs „Genießen“.

Oder sie bilden die nach innen verlagerte Konzentration wie eine choreografierte Rhythmik ab, wie bei Rudolf Bellings „Tänzerin“. Erfreulich ist die Grenzöffnung des Kolbe-Museums hin zur architektonischen Plastik. So wird das Gipsmodell von Gropius‘ berühmtem „Denkmal für die Märzgefallenen“ ebenso gezeigt wie Max Tauts elegante eiserne Bogenstellungen für das Grabmal Wissinger auf dem Stahnsdorfer Friedhof. Eine wunderbare Wiederentdeckung sind die Werke von Marg Moll und Emy Roeder, deren verloren geglaubte Skulpturen letzten Herbst spektakulär bei U-Bahn-Ausschachtungen vor dem Roten Rathaus gefunden wurden. Moll ist die einzige Bildhauerschülerin von Matisse. Ihre „Stehende mit Krug“ (1928) aus Messing besticht durch Geschlossenheit. Die Lichtreflexe auf der glatten Oberfläche betonen die scharfkantige Form, das ist die sympathisch-elegante Version des „Maschinen-Menschen“ in „Metropolis“. Nicht zuletzt markiert sie den Übergang des Kubismus in die Ab­straktion. Die Schau ist ein beglückendes Seherlebnis.

Text: Martina Jammers

Bild: Staatsbibliothek Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung

tip-Bewertung: Herausragend

WILLIAM WAUER UND DER BERLINER KUBISMUS Georg-Kolbe-Museum, bis 19.6.2011

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