Fotografie

Wim Wenders „Polaroids“ bei C/O Berlin

Fotos mit Bezug zum Wenders-Werk. Die Polaroids des Regisseurs ­zeigen das Gegenteil der inflationären ­Digitalfotografie

Foto: Wim Wenders / Courtesy Wim Wenders Stiftung

Im kollektiven Gedächtnis sind die Polaroid-Sofortbildkameras untrennbar mit den 1970er-Jahren verbunden. Eine Zeit, als man Blümchentapeten und Gelsenkirchener Barock adé sagte, die Wände knallorange strich und es sich in den Kiefernholzmöbeln eines schwedischen Einrichtungshauses gemütlich machte. Es war der Aufbruch in eine neue moderne Ära, und das Polaroid-Kameramodell SX-70 mit seinem eckigen, faltbaren Kunststoffgehäuse und den sich wie von Zauberhand selbst entwickelnden Fotos gehörte zweifellos dazu. Die futuristischen Sofortbildkameras – ihre Vorläufermodelle waren bereits seit 1948 im Handel – versprachen Spaß und Spontanität, sie feierten den ­Moment.

„Bilder damit aufzunehmen hatte etwas Beiläufiges und Lässiges, war sorglos und unbekümmert“, schreibt Wim Wenders auf einer der Infotafeln, welche die Ausstellung mit rund 240 seiner Polaroidfotos im C/O Berlin begleiten. Für ihn seien die Polaroids ein visuelles Notizbuch gewesen, so der Regisseur weiter, „um ein Interesse an ­Menschen, Orten und Gegenständen nachzuprüfen, oder einfach um etwas nicht zu vergessen.“

Wenders’ Polaroids, die in der Zeit zwischen Ende der 60er- und Anfang der 80er-Jahre entstanden, sind keine große Kunst, aber sie sind die Fotos eines Künstlers: Sie verweisen ohne doppelten Boden auf seine Filme und seine Interessen. Doch wie die meisten Erinnerungen profitieren auch diese Fotos von Erläuterungen ihres Machers, die man in der Ausstellung auch per Audio-Guide erhalten kann. Müssten die kleinen Polaroids ausschließlich für sich stehen, würde sich wohl so mancher Besucher über eine Ketchup-Flasche, einen Minigolfplatz oder ein Hertie-Kaufhaus ziemlich wundern.

Kennt man sich ein wenig mit Wenders’ Filmen der 1970er-Jahre aus, treten die Bezüge der Fotos zum filmischen Werk erkennbar hervor. Manche sind ganz offensichtlich: das Fußballfeld, das auf Wenders’ Handke-Verfilmung „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (1972) verweist, oder auch die besonders tristen ­Fassaden der in den 70ern langsam hinweg sterbenden Provinzkinos, all die Capitol-Theater und Post-Lichtspiele, die er zur Einstimmung auf sein Roadmovie „Im Lauf der Zeit“ (1976) fotografierte. Und natürlich kommt auch sein amerikanischer Freund Dennis Hopper zu fotografischen Ehren, und das nicht nur einmal.

Die vielen aus Hotelzimmern heraus aufgenommenen Stadtansichten offenbaren hingegen einen speziellen Blick, der mit Wenders’ frühem experimentellen Film „Silver City“ (1969) korrespondiert, in dem eine unbewegte Kamera bis zum Ende der jeweiligen Filmrolle einfach aus dem Fenster auf die Straßen von München gerichtet ist und die Veränderungen dort ­registriert.

Dem offensichtlichsten Bezug des filmischen Werks zu den Polaroids kann man mit einigen Filmausschnitten in einem kleinen Vorführraum nachspüren: Zu Beginn von „Alice in den Städten“ (1974) sitzt Rüdiger Vogler mit einer SX-70-Kamera in Amerika am Meer und sinniert, dass auf den Bildern nie das drauf sei, was man mit bloßem Auge gesehen hat. Später wird er gemeinsam mit einem kleinen Mädchen im Ruhrgebiet das Haus ihrer Oma anhand eines Fotos suchen – als sie es schließlich finden, vermag er kaum zu glauben, dass das fotografische Abbild auch in der Realität existiert.

Den größten Platz in der Ausstellung ­nehmen Fotos aus Amerika ein, in denen ­Wenders’ fast naive Bewunderung für das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zum Ausdruck kommt: die Golden-Gate-Brücke und kalifornische Palmen, fotografiert 1973, ein Regal voller Campbells-Suppendosen als Warhol-Hommage, eine Jukebox. Auch das Sentinel Building in San Francisco, in dem sich die Büros von Francis Ford Coppolas Filmgesellschaft American Zoetrope befinden, bannte Wenders auf Polaroid – bevor er in der Zusammenarbeit mit Coppola an „Hammett“ (1982) erkennen musste, dass die Möglichkeiten auch in den USA begrenzt sein können.

Immer wieder ist man überrascht, die weiten horizontalen US-Landschaften in das fast quadratische Polaroid-Format gepresst zu sehen. Vom Monument Valley, der Kulisse vieler John-Ford-Western, war Wenders nach eigener Aussage so beeindruckt, dass er die Entwicklerschicht der Fotos zu spät abzog, was die Bilder stark nachdunkeln ließ. Persönlich wichtig war Wenders auch die Versammlung von Menschen im Central Park West zu Ehren von John Lennon, einen Tag nachdem der Musiker in New York erschossen worden war.

Mit einem Foto des durchgestrichenen Ortsschilds der Gemeinde Welt in Nordfriesland („The End of the World“) endet die Ausstellung angemessen zivilisationskritisch. Schließlich hat Wenders in den letzten Jahren einen – eher bedauerlichen – Hang dazu entwickelt, den Leuten die Miseren dieser Welt erklären zu wollen. So verlässt man die Fotoschau mit seinem Gedanken, dass die digitale Fotografie und die inflationären Selfies einen Verlust von Realität, Verantwortung und sozialen Bindungen verursachen. Für Wenders das genaue Gegenteil von Polaroid-Fotos.

Wim Wenders – Sofort Bilder bis 23.9. im C/O Berlin, täglich von 11–20 Uhr

Publikation: „Wim Wenders – Sofort Bilder. 403 Polaroids und die Geschichten dazu“, 320 S., 49,80 €, Verlag Schirmer/Mosel

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