Ausstellungen

„Wir sind hier nicht zum Spaß“ im Kunstraum Kreuzberg

Kunstraum_Kreuzberg_NichtZumSpass_eberle_c_MartinEberle_KunstraumKreuzbergBethanienDie Neunzigerjahre, das war die mythische Zeit des Neuen Berlins. Damals ist das Berlin von heute entstanden, diese Jahre haben seinen Ruf als Kunst- und Party-Stadt begründet. Genau dieser Zeit und ihren bestehenden Subkulturen, deren Orte seitdem beinahe alle verschwunden sind, widmet der Kunstraum Kreuzberg nun die Ausstellung „Wir sind hier nicht zum Spaß!“, die von Paul Paulun, einem damals in der Szene wirkenden DJ, und Stйphane Bauer kuratiert wurde. Der Blick wird auf das Berlin nach dem Fall der Mauer gelenkt, in dem für eine Zeit West-Berlin, Ost-Berlin und dieses sich hauptsächlich in Mitte und in Prenzlauer Berg entwickelnde „Neue Berlin“ nebeneinander existierten.

Die Freiräume und Möglichkeiten, die der plötzliche Wegfall der Mauer entstehen ließ, waren einmalig. Das spiegeln die Geschichten wider, die man aus dieser Zeit hört: wie man eine leer stehende Wohnung in Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain ausgespäht hat, wie man die Tür aufbrach, einzog, Vorhängeschloss vor die Tür – und dann begann, Miete an die zuständige Wohnungsbaugesellschaft zu überweisen, was dem Abschluss eines Mietvertrags gleichkam. Andere Häuser wurden gleich ganz besetzt, die meisten aber schon bald wieder geräumt, wie die legendäre Mainzer Straße mit dem Tuntenhaus. Ähnlich wie mit Wohnungen lief das mit leer stehenden Ladenlokalen, die man temporär für Partys besetzte oder deren kulturelle Zwischennutzung man beim zuständigen Bezirksamt beantragte. Lediglich die Nebenkosten mussten dann noch beglichen werden. Durch diese Freiräume angelockt stießen vor allem junge Kulturarbeiter und Künstler aus dem Westen der Stadt nach Mitte vor und gründeten heute legendäre Projekträume, Bars und Clubs wie die Galerie Berlintokyo, die Radiobar und das Elektro, um nur einige zu nennen.

Die so entstandenen Orte bewegten sich oftmals an der Schnittstelle zwischen Musik und Kunst, Party und Kultur und brachten eine eigene, mikroökonomische Subkultur hervor, bei der es nicht vorrangig um kommerziellen Erfolg ging, wie schon bald bei den großen Clubs Tresor oder E-Werk oder der schnell zu einer Massenveranstaltung anwachsenden Loveparade. Vor allem ging es den Protagonisten damals darum, etwas Werthaltiges zu machen, Räume zu schaffen, Bars als soziale Skulptur zu entwerfen – und sich durchzuwurschteln, ganz ohne Gewerbeanmeldung, Steuernummer und Werbung. Wichtig waren dabei vor allem Ideen von Kollektivität und Autonomie, wirtschaftlich wie in Produktion und Verwertung, sowie der Austausch untereinander, der lebendig und genreübergreifend geführt wurde, wie das heute nur noch selten der Fall ist – haben sich doch Kunst- und Musikszene nicht nur voneinander entfernt, sondern auch in verschiedene Subszenen segregiert. Ihren Höhepunkt fanden diese wilden Jahre vielleicht in der weltweit beachteten, bei vielen der subkulturellen Protagonisten von damals aber nicht unumstrittenen ersten Berlin-Biennale, die den wild wuchernden Kunst-Produktionsstandort Berlin plötzlich international auf die Landkarte der Kuratoren, Museen, Sammlungen und Künstler brachte, die in der Folge in Heerscharen in diese „neue“, zu einem Gutteil imaginierte Stadt einfielen.

Kunstraum_Kreuzberg_NichtZumSpass_Holodeck_c_TorstenOetken_KunstraumKreuzbergBethanienDas Flüchtige der damaligen Räume, die sich die Subkultur schuf, die alle temporär betrieben wurden und mit der zunehmenden Strukturierung der Bezirke nach und nach verschwanden, sowie die nur lückenhafte Dokumentation der damaligen subkulturellen Kunst- und Kulturpraxis verweigern sich wesenhaft einer linearen, dokumenthaften Aufarbeitung. Gerade um dem Lebensgefühl des Vorläufigen und Improvisierten seinen Raum zu geben, ist das Herzstück der Ausstellung eine Soundinstallation: ein Hörstück, das aus Interviews mit dreißig in dieser Zeit aktiv in der Szene involvierten Künstlern, Galerie-, Club- und Barbetreibern zusammengesetzt ist. Dieses wird zusammen mit zwei Videoprojektionen von Filmstills, Fotos, kurzen Auszügen aus Filmen und anderen Testimonials verbunden. Die Passagen des insgesamt eineinhalbstündigen Hörstücks wurden hierfür von vier Sprechern aufgenommen, da der Fokus nicht auf den einzelnen, sich in den Passagen artikulierenden Personen liegen soll.

Eine Transkription des kompletten Hörstücks wird im zur Ausstellung erscheinenden Katalog publiziert, dessen Vielstimmigkeit beim Lesen einen lebendigen Einblick in diese ja noch gar nicht so lang versunkene Welt erlaubt. Neben der Installation werden Fotografien, Videos (unter anderem die Dokumentation vom Abriss des Elektro, Daniel Pflumm, 1995) und zeitgenössische Artefakte gezeigt sowie Auszüge aus der Sammlung „Flyersoziotope“ von Mike Riemel. Flyer waren das Hauptkommunikationsmittel der Bars und Veranstalter, die sich ganz bewusst gegen Werbung oder den Eintrag in die Programmteile von etablierten Medien entschieden hatten. Immer wieder tauchen so im Hörstück auch Passagen auf, in denen vom suchenden Umherlaufen in Mitte die Rede ist und dass man Leuten auf gut Glück in Hinterhöfe nachging, um noch eine andere, neue Bar oder Galerie zu entdecken. Der prominenteste im Hörstück und in der Ausstellung mit einer großformatigen Arbeit vertretene Künstler ist Jim Avignon, der sich im Mitte-Neunziger-Berlin unter anderem in der Radiobar herumtrieb und Aktionen durchführte, bei denen er kleine Arbeiten für zwanzig Mark unter das Volk brachte, um die Logik des Kunstmarktes ein Stück weit auszu­hebeln.

Im Rahmen der Ausstellung werden auch zwei Publikationen zu dieser Zeit vorgestellt: „Galerie Berlintokyo“ von Martin Eberle und „Die ersten Tage von Berlin“, in dem der Journalist Ulrich Gutmair der Frage nachgeht, warum Berlin heute ist, was es ist. Abgerundet wird die Ausstellung durch eine Reihe von Gesprächen  mit Protagonisten der Szene, die sich den Themen Stadt, Freiräume und – natürlich – elektronischer Musik und den mit ihr in den Anfängen verknüpften Utopien widmen.

Text: Philipp Koch

Foto: Martin Eberle /Kunstraum Kreuzberg / Bethanien (oben), Torsten Oetken / Kunstraum Kreuzberg / Bethanien (Mitte)

„Wir sind hier nicht zum Spaß“ Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2, Kreuzberg, tgl. 12–19 Uhr, bis 25.8.

 

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