Ausstellungen

„Wohnungsfragen“ im Haus der Kulturen der Welt

Johanna Meyer-Grohbrügge und ?Sam Chermayeff

Im Haus der Kulturen der Welt, das  sich immer wieder mit den wichtigen, oder besser gesagt überlebenswichtigen globalen Fragen auseinandersetzt, startet am 23. Oktober die Ausstellung „Wohnungsfragen“. Diese untersucht die spannungsreiche Beziehung zwischen Architektur und sozialer Verantwortung, individuellem Glück und persönlichem Drama. Mit dabei sind viele Akteure  – Architekten, Stadtplaner, die Mietergemeinschaft Kotti & Co (June 14 nicht) – aus Berlin und anderen Metropolen, die das Thema Stadt neu denken.    

tip Johanna Meyer-Grohbrügge, Sam Chermayeff, Sie sind 2010 von Tokio nach Berlin gezogen. Wie war Ihr erster Eindruck vom Wohnen in Berlin?
Johanna Meyer-Grohbrügge Was uns in Berlin auffiel war, dass die meisten Menschen in Altbauwohnungen leben wollten. Und dass diese Altbauwohnungen nicht für die Art von Lebenssituationen geplant wurden, wie sie heute bewohnt sind.

tip Hat Tokio mehr innovativen Wohnungsbau?
Meyer-Grohbrügge Tokio ist Erdbebengebiet. Dort wird Architektur generell eher temporär gedacht. Dadurch gibt es für Neues nicht so eine große Hemmschwelle. Und die Menschen in Japan sind traditionell zufrieden mit weniger Raum. In Berlin dagegen gibt es eine Quadratmeter-Besessenheit und auch eine Besitz-Versessenheit. Das ist tief verwurzelt.

tip Berlin war einmal berühmt für experimentellen Wohnungsbau, ich denke an die Siedlungen der 1920er Jahre oder das Hansa-Viertel. Warum haben wir diese Tradition verloren?
Chermayeff  Berlin hatte in den letzten 25 Jahren kein Wohnungsproblem. Man musste nicht im großen Stil bauen. Das hat sich jetzt geändert. Dauernd werden wir gefragt, hey, habt ihr ein Grundstück gesehen? Was die Leute damit sagen wollen ist, meint ihr, ich kann mir ein kleines Haus in Mitte bauen? Nein, das kannst du nicht. Noch vor fünf Jahren wäre das möglich gewesen. Jetzt geht das nicht mehr. Wir müssen den Wohnungsbau neu denken.

tip Was sind Ihre Ideen?
Chermayeff Es geht darum, Räume flexibler zu machen. Berlin ist voll von Räumen, die dieselbe Größe haben: Schlafzimmer, noch ein Schlafzimmer, Wohnzimmer, Kinderzimmer. Aber man kann auch in einem viel kleineren Raum schlafen. Dadurch gewinnt man dann einen größeren Raum, der unterschiedlichen Bedürfnissen dienen kann.

tip Sie planen gerade ein Wohnhaus an der Kurfürstenstraße. Wie setzen Sie das Thema Flexibilität um?
Meyer-Grohbrügge Das Haus basiert auf sechs Türmen. Jede Wohnung hat einen sehr hohen Raum, über fünf Meter hoch, dann gibt es sehr viele niedrigere Räume. Die Wohnungen werden ohne tragende Wände konstruiert, man kann Schiebewände einsetzen, echte Wände, Vorhänge – wie auch immer. Und dann gibt es Räume, die zu zwei Wohnungen gehören und die man sich mit den Nachbarn teilen kann, beispielsweise das Gästezimmer, das man nicht die ganze Zeit braucht. Oder eine gemeinsame Küche.

tip Ist das eine Baugruppe?
Meyer-Grohbrügge Ja.

tip Mit lauter Freunden?
Chermayeff Mehr oder weniger. Berlin ist ein Dorf, wenn man versucht, extremer zu bauen. Wir kennen jeden, der mitmacht, gut, weil die Stadt einfach so funktioniert.

tip Werden Sie dort selbst einziehen?
Meyer-Grohbrügge Wir haben in ein Apartment investiert.

tip Sie haben die Ausstellungsarchitektur für die Kunstmesse abc gemacht. Alle waren begeistert. Bringt Bekanntheit Aufträge?
Chermayeff Es ist so: Wenn die Leute uns kennen, wenn Niklas Maak über uns in der FAZ schreibt, bringt uns das keinen einzigen Auftraggeber. Bekanntheit bringt keinem Architekten einen Auftraggeber. Wenn man einen Baugrund besitzt, dann bekommt man Klienten.

tip Immer mehr Menschen wollen in den Städten wohnen. Wie kann das gehen?
Meyer-Grohbrügge Die beste Lösung ist Verdichtung und das Ende der Quadratmeter-Obsession.
Chermayeff Sogar Angela Merkel hat in einer ihrer Reden zu den Flüchtlingen gesagt, wir müssen die Abstandsflächen zwischen den Häusern verringern. Dann kann man dichter bauen. Und höher. Die Häuser in Berlin könnten doppelt so hoch sein, und es wäre unten auf der Straße noch nicht dunkel. Aber Hans Stimmann hat eine Stadtplanung wie im 18. Jahrhundert durchgesetzt. Wenn Sie aus dem Fenster schauen, sehen alle seit den 90er Jahren gebauten Häuser gleich aus.

tip Und wenn Sie Berlin mit New York vergleichen?
Chermayeff In der Architektur hat eine verdichtete Bauweise etwas zu tun mit einem fortgeschrittenen Kapitalismus. Die soziale Struktur von Berlin ist wunderbar, um hier zu leben. Allerdings macht sie es den Architekten durch ihre vielen Regularien schwer, experimentell und schnell zu bauen. In New York ist Bauen viel weniger reguliert und viel dichter. Trotzdem hat die Stadt in manchem viel mehr Gemeinsinn, beispielsweise bei Arbeits-Koops oder bei der Nachbarschaftshilfe. Man muss mehr kämpfen, doch man kämpft gemeinsam, In Berlin muss man nicht kämpfen, aber man ist leichter hinter seinen dicken Altbaumauern isoliert.

Interview: Stefanie Dörre

Foto: David von Becker

Haus der Kulturen ?der Welt
John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten?Mi–Mo (und Di 27.10.) 11–19 Uhr, ?Fr 23.10.–Mo 14.12.

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