Ausstellungen

XVII. Rohkunstbau auf Schloss Marquardt

Schloss-MarquardtIm Jahr 9600 vor Christus soll es untergegangen sein, das Inselreich Atlantis, von dem Platon spricht. Innerhalb eines Tages und einer unglückseligen Nacht durch die Folgen einer Naturkatastrophe. Auf Kreta hat man es vermutet und auf Helgoland – alles Hirngespinste. Vermutlich ist das Ganze nur Fiktion, was sich um den Mythos rankt. Ausgedacht von einem Philosophen, der seine Ideen vom idealen Staat und einer gerechteren Welt verbreiten wollte.
Vielleicht sollten wir in diesen krisengebeutelten Tagen auch wieder mehr darüber diskutieren, wie dieser Staat neu geordnet werden und unsere Gesellschaft ihr Überleben sichern kann. Damit es uns nicht so geht, wie von Platon beschrieben. Den Expansionsdrang einer ländlich geprägten Insel zur See- und Streitmacht sah er als Gefahr, und im Verlust göttlicher Anteile zugunsten menschlicher Gier das ethische Grundproblem.

Die um den Mythos Atlantis entwickelten Staatsideen sind zum zweiten Mal Ausgangspunkt für die Ausstellung Rohkunstbau, die seit 1994 bereits ihre 17. Ausgabe feiert. Das Schloss Marquardt bei Potsdam ist verwunschen genug, die Spur der „Hidden Histories – Imagined Identities“ aufzunehmen. Zehn internationale Künstler lenken den Blick auf Zukunftsvisionen und verlorene Welten. Schon ohne Kunst ist der Ort inspirierend.
Rohkunstbau_Ahalouch-el-Keriasti_Sudden-SilenceEingebettet in die malerische Lage des von Peter Joseph Lennй gestalteten Landschaftsgartens am Schlänitzsee könnten die „Atlantis II“-Verortungen kaum besser angesiedelt sein. Bei Platon tummeln sich Bäume, Pflanzen, Früchte, Tiere, ja selbst Elefanten im Fantasiereich, hier Skulpturen, Fotografie, Malerei, Video-Filme und spannende Installationen. In den Räumen des Hauses kann man auf Ent-deckungsreise gehen. Was Kurator Mark Gisbourne diesmal auf die Beine gestellt hat, ist beachtlich. Unter erschwerten Bedingungen – fand man die Räume vom vergangenen Jahr doch teilweise ohne Wände und Boden vor – stemmte er mit den Künstlern eine prima Ausstellung. Diese machten aus reiner Lust an der Freude und Interesse mit, denn Geld verdienen können sie mit den speziell für den Ort entworfenen Arbeiten allenfalls hinterher mit Hilfe ihrer Galeristen.

Dafür schlägt die Stunde der Kunst einmal ganz unverfälscht. Schon deshalb lohnt der Besuch, weil man erfährt, was dieselbe leisten kann, wenn sie nicht den Gesetzen des Marktes gehorcht. Im Eingangsbereich hat Johanna Smiatek einen starken Auftritt. Die Künstlerin kreiert kinetische Objekte, die auf Interaktion beruhen. Sie präsentiert einen mit Spiegeln ausstaffierten Elfenbeinturm. Betritt ihn der Besucher, erscheint ihm eine fantastische Stadtlandschaft.
Vielleicht sah so Atlantis aus – wie das Bild von Birma, das sich hier spiegelt? Im Unterschied zum vergangenen Jahr ist die Riege der Künstler diesmal in-ternationaler. Teilnehmer aus Deutschland, Großbritannien, Italien, Israel, Polen und Marokko hat Gisbourne zum Stelldichein gebeten. So bietet sich ein pluralistisches Bild, das immer wieder die Frage umkreist, wie die Vergangenheit mittels neuer Technologien vermittelt werden kann.
Der Israeli Ori Gersht etwa zeigt einen Videofilm, in dem ein Schauspieler Walter Benjamin verkörpert. Er zeichnet die Route Benjamins bei dessen Fluchtversuch aus dem von den Nationalsozialisten besetzten Frankreich nach – mit Ziel Amerika –, bevor er sich 1940 im spanischen Port Bou das Leben nahm.

Bereits im 16. und 17. Jahrhundert galt die Neue Welt als Metapher für Atlantis. Bei Elisa Sighicelli imaginieren abfotografierte Details von alten Gemälden diese Inselträume. Mit Sean Dawsons furiosen Abstraktionen, die wie Schlingpflanzen zu futuristischen Formen auf der Leinwand finden, und Wilhelm Sasnals gegenständlichen Gemälden sind zwei starke Maler vertreten. Packend auch die  ausgefeilten Werke der beiden Briten Mat Collishaw und Cathy de Monchaux. rohkunstbau_Dawson_Venus-SmileLetztere befasst sich in einer Schlachtendarstellung ganz in Weiß auf ästhetische Weise mit den Wunden, die Krieg und Gewalt hinterlassen.
Im Haus sind die Narben von Krieg und europäischer Teilung noch spürbar. Verfall und Aufbruch – in diesem preußischen Arkadien prallen die Gegensätze aufeinander. In den 30er-Jahren war das von Kempinski gepachtete Schloss beliebtes Ausflugsziel. Durch die „Arisierung“ fiel es an die Aschinger AG. Als Reservelazarett und sogar Restaurant diente es bis 1945, bevor die Rote Armee das Gebäude besetzte. Nach dem Krieg wurde der Park für Agrarprojekte, zu DDR-Zeiten für den Obstbau genutzt. Von geschlagenen Schlachten bis zur Utopie einer besseren Welt reichen nun die Visionen der Künstler. Den Spuren von Atlantis folgend, fassen sie Untergang wie Ausblick ins Auge. Wafae Ahalouch el Keriasti lässt eine Brunnenskulptur als Quell weiblicher Stärke sprudeln, Stefan Roloff entfacht babylonisches Sprachgewirr und Niklas Goldbach verdeutlicht, wohin Isolation führen kann. Sie alle eint das geschichtsträchtige Ambiente von Schloss Marquardt, das 20 Jahre nach dem Fall der Mauer noch einer dauerhaften Bestimmung harrt.      

Text: Andrea Hilgenstock

Fotos: Roland Horn, Niklas Goldbach/Galerie Anita Beckers, FrankfurtMain

Schloss Marquardt Hauptstraße 14, 14476 Potsdam-
Marquardt, Eröffnung 4.7., 16 Uhr, Ausstellung 9.7.–12.9.2010,
Fr 14–19 Uhr, Sa+So 12–19 Uhr,
www.rohkunstbau.de

 

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