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XXI. Rohkunstbau auf Schloss Roskow

XXI. Rohkunstbau auf Schloss Roskow

Mark Gisbourne, 67, ist ein britischer Gentleman. Aus derselben Stadt wie Shakespeare kommt er, ­Stratford-upon-Avon. Die brandenburgischen ­Dörfer zwischen Charlottenburg und Schloss Roskow ­erinnern ihn an die britische Grafschaft Warwickshire bei Birming­ham. Auf der Fahrt mit dem schwarzen Benz raus aufs Land mäandern die Gespräche wie der Wagen, von Kate Bush über Gilles Deleuze bis magic mushrooms. Mark Gisbourne liebt Worte wie „Darling“ (jede Frage endet damit), Sätze wie „nice to be nice“ – und er kennt jede fantastische Eisdiele links und rechts des Weges.
„Ich bin kein kaiserlicher Kurator“, sagt er, „sondern verstehe mich als Dirigent. Ich gebe den Künstlern ein Thema und bringe die Werke dann auf eine bedeutungsvolle ­Weise zusammen. Die Betrachter sollen die Werke aber auf ihre Weise lesen. Nichts ist schlimmer als eine Didaktik а la ‚du musst dieses oder jenes denken‘.“ Gisbourne hatte schon die verrücktesten Jobs: Polizist war er und Prada tragender Kunstdealer auf der 10th Street in Manhattan. Inzwischen ist er ein viel gefragter Mann, Kurator in aller Welt.
Dieses Jahr macht Gisbourne wieder den Rohkunstbau, die Themenschau und Landpartie, die sich diesmal, lose an Wagners „Götterdämmerung“ orientiert, nichts Geringerem als dem Weltuntergang verschreibt. „Eine solche Sommerausstellung muss aber visuell sein und darf nicht vom Konzept überladen werden“, sagt Gisbourne. Wer nicht möchte, darf Schopenhauer und Nietzsche also getrost beiseiteschieben – über die der emeritierte Kunstprofessor mindestens so gerne parliert wie über seine Lieblingseiscreme. Denn Weltuntergang ist kein verkopftes, sondern ein ganz populäres Thema: Das ­Hollywoodkino steckt voller Apokalypsen und ­deren Spätfolgen. Man denke nur an Francis Ford Coppolas „­Apocalypse Now“ von 1979.

Mark GisbourneBeim Rohkunstbau wird auch im Video „Trashman“ von Olga Chernysheva aus Moskau, die dieses Jahr auch auf der Biennale in Venedig ausstellt, das Sujet und dessen Bedeutung fürs Kino aufgegriffen: Einen betrübten Kino-Putzmann sieht man, der nach der Vorstellung die Überreste sammelt. Stille nach dem Sturm. Kino als Medium der Apokalypse schlechthin wird beim 21. Rohkunstbau immer wieder aufgegriffen. Um Feuer geht es, Säuberung. Aber längst nicht esoterisch: Tötungsinstrumente wie Napalm-Helikopter schwirren umher. Dominik Lejman projiziert sie im Loop an die inneren Schlosswände. Da ist die brandenburgische Idylle rasch passй. „Hier ist es noch zu hell“, mahnt Gisbourne seine Koordinatorin, „lass uns das abdunkeln.“ Ein wichtiger Aspekt der Schau, die bis September läuft: Das Licht in den noch sonnen­getränkten Schlossräumen wird sich ändern. Der Kurator und seine Projektkoordinatorin Claudia Dorfmüller werden ­immer wieder nachjustieren müssen, vom Tag des höchsten Sonnenstandes an, der Eröffnung am 20. Juni, bis in den Herbst hinein.
Der Maler Philip Grözinger hat von seinem eigenen Bild „however this could be the beginning“ (Acryl, Öl und Sprayfarben) eine Kopie mit Kreide gefertigt. Ein Material, das Bezug auf die verputzten Wände des Schlosses nimmt. Im Original (Foto rechts) ist ein Möbiusband als partybunte Achterbahn gestaltet. Doch Vorsicht: Im runtergerockten Rummel rumort die Dunkelheit. Die Kopie ist ein Nachbau in Schwarz-Weiß, einem Schatten des farbigen Bildes gleich. Im Laufe der Ausstellung wird die Kreide outdoor peu а peu abgespült werden, das Holz wird verwittern. Wenn’s einen Spitzensommer gibt, wird Grözinger selbst mit ­Wasser nachhelfen. Ebenfalls im Schlossgarten: die Aluminiumskulptur „The artist, his father and his son“ von Daniel Silver, die wie eine destru­ierte, in die Vertikale strebende Laokoon-Gruppe wirkt. Apokalypse im vulkanischen Sinne. Man denke an Herculaneum und Pompeji.
Der Gewalt des entgegengesetzten Elementes, des Wassers, widmet sich Miguel Rothschild mit dem ­bedruckten Stoff „The Flood“, hängend an Nylonfäden, die scheinbar wie Regen prasseln – überwältigend (Foto links). Die erste biblische Apokalypse der Menschheit. Eine Arche sucht man vergeblich. Oder steht man als Betrachter gleichsam auf ihr?
Die installative Bildhauerin Christiane Möbus bezieht sich, längst nicht als Einzige, aber am direktesten, auf die Historie des zauberschönen Schlosses, etwa mit einer aus Aluminium gegossenen Nachbildung des ­Katte-Richtschwertes: Hans Hermann von Katte, Spross der Schlossdynastie, war Herzensfreund von Friedrich II. Nachdem der Gefährte dem Kronprinzen zur Fahnenflucht verhalf, gab Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. den Befehl zur Enthauptung Hans Hermanns durch das Schwert. Und wieder tun sich Abgründe in der Idylle auf.
In Sandra Boeschensteins „29 zarte Leibesvisiten“, einem Zyklus aus Tuschezeichnungen, geht es fast surrealistisch um Bedrohung. Der Kosmos, in aller planetaren ­Perfektion gezeichnet, kann sich ihr nicht entziehen. Schon die ­Sonne: Conditio sine qua non für das Leben und zugleich ein Feuer­ball voller Gefahren. Die Künstlerin, zugleich ­toughe Bergsteigerin, kennt die Zwiespältigkeit der Elemente. ­Gisbourne und Boeschenstein waren kürzlich zufällig gleichzeitig im selben französischen Provinzdorf, aber Gisbourne war dann doch eher für Aprиs-Ski als fürs Bergkraxeln zu haben.
Wir machen uns auf den Heimweg. Gisbourne liebt das Kornblumenblau auf den Feldern und will einen Strauß für sein Kreuzberger Apartment pflücken. „Die Mohnblumen“, sagt er, „würden zu schnell wegknicken. Sie waren Symbol für die Soldaten im Weltkrieg, die die Felder blutrot tränkten.“ Wenn das nicht so richtig nach Apokalypse klingt.

Text: Stefan Hochgesand

Fotos: Philip Groezinger, Oliver Mark

Kulturschloss Roskow Dorfstraße 30, 14778 Roskow, ?21.6.–6.9., Sa+So 12–18 Uhr

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