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Yayoi Kusama im Gropius Bau: So spektakulär ist die Retrospektive

Kürbisse, Punkte und leuchtende Farben: Die japanische Künstlerin Yayoi Kusama hat eine große Soloschau im Gropius Bau. Kusamas revolutionäre Interventionen, ihre fantastischen Installationen und ihre Neudefinition ihrer Rolle als Frau in der Kunst – immer wieder wurde sie selber Teil ihrer Ausstellungen in einem performativen Akt – machen sie sie zu einer der einflussreichsten Künster:innen weltweit.

Yayoi Kusama im Gropius Bau: Bis 15. August sind die pinken Tentakel im Lichthof zu sehen. Foto: Imago/Pacific Press Agency

Yayoi Kusamas Werkschau ist eine Selbstauflösung im Wonderland

Nur einen einzigen Tag hatte die große Kusama-Retrospektive im Gropius Bau geöffnet, und schon wurden die Sozialen Medien geflutet mit Bildern den Arbeiten, die sie dort zeigt. Vor allem ein Motiv zog die Smartphones magisch an: Kusamas spektakuläre Installation im Lichthof des Gropius Baus. Gigantische Tentakel in leuchtendem Pink mit schwarzen Punkten darauf ranken sich dort viele, viele Meter hoch dem Glasdach entgegen. Auch der Boden ist mit dem hypnotisierenden Muster bedeckt, so dass man wirklich in diese einmalige Welt eintauchen kann. Das Angebot: Selbstauflösung in Wonderland. Mach ein Selfie in „A Bouquet of Love I Saw in the Universe”, so der Name des Tentakel-Waldes. Das ist bei Kusama durchaus mitgedacht.

Und tatsächlich ist die japanische Künstlerin mit ihren ganze Räume füllenden Installationen in starken Farben und oft mit Polka Dots, den Punkten, die eine Art Markenzeichen Kusamas sind, ein Liebling der Generation Instagram. Und das, obwohl sie 1929 geboren wurde. Weil ihre Arbeiten so farbstark sind. Weil sie sich selbst oft in Performances als integraler Teil ihrer Arbeiten inszeniert hat. Aber auch, weil Yayoi Kusama mit ihren „Infitity Nets“ so überzeugend zeigt, dass die Welt ein unendliches Geflecht ist. Die Vorstellung der Unendlichkeit ist bis heute für Kusamas Denken und für ihre Ästhetik grundlegend.

Die Kürbisse, ein typischen Motiv von Yayoi Kusama, sind auch im Gropius Bau zu sehen.
Die Kürbisse, ein typischen Motiv von Yayoi Kusama, sind auch im Gropius Bau zu sehen. Foto: Stefanie Dörre

Kusamas „Infinity Mirror Rooms“ spiegeln im Gropius Bau die Unendlichkeit

Gerade im Irrealen ihrer Arbeiten, so erscheint es, öffnet sich eine neue Perspektive auf die Realität. In Kusamas „Infitity Mirror Rooms“ spiegelt sich die Unendlichkeit in galaktischen Bildern, als würde man direkt ins Universum blicken können. Und im Lichthof des Gropius Baus scheint diese gigantische pinke Pflanze der durchs Glasdach scheinenden Sonne entgegenzuwachsen. „A Bouquet of Love I Saw in the Universe” hat Yayoi Kusama trotz ihres Alters speziell für Gropius Bau entwickelt. Eine Arbeit, die eine unglaubliche Energie ausstrahlt.

Und die wie ein leuchtendes Echo auf ein kleines, düsteres Ölgemälde wirkt, auf dem sich Tentakel als einem dunklen Sumpf erheben. Dieses Gemälde hing in den beiden ersten Ausstellungen, die Kusama nach Ihrem Kunststudium im Jahr 1952 in ihrer Heimatstadt Matsumoto realisierte. Und die jetzt im Gropius Bau in Teilen rekonstruiert wurde. Auf anderen Bildern aus der derselben Schau sieht man fallende Bomben und Fallschirme. Kusama war 16, als die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki fielen. Während des Zweiten Weltkrieg hatte sie ab dem Alter von 12 im einer Fallschirmfabrik arbeiten müssen. Traumatische Erfahrungen.

Diese düstere „Accumulation of the Corpses“ präsenterte Kusama in ihrer ersten Ausstellung 1952. Bildnachweis: Yayoi Kusama

Ein anderes Ölgemälde aus derselben ersten Ausstellung trägt den Namen „Accumulation of the Corpses (Prisoner Surrounded of the Curtain for Depersonalisation)“. Daraum sind riesige Wülste zu sehen, so ineinander verschlungen, dass sie einen furchteinflößenden Tunnel bilden, an dessen Ausgang zwei tote Bäume warten. Auf anderen Bildern aus der Zeit ist Stacheldraht zu sehen. Diese Rekonstruktion der ersten beiden Ausstellungen von Kusama sind die große Überraschung der Ausstellung, weil hier ihre Farben und Formen zwar schon präsent sind, aber ungeheuer düster, geradezu traumatisch.

Yayoi Kusama: Rund 300 Werke aus 80 Jahren – und viele, viele Punkte

Und auch die Punkte beginnen bereits, auf diesen Bildern auszubreiten. Über diese Dots, die so fröhlich missverstanden werden können, sagt sie: „Ich sah auf das rote Muster der Tischdecke, als ich aufblickte, bedeckte dasselbe rote Muster die Decke, die Fenster und die Wände, und schließlich den ganzen Raum, meinen Körper und das Universum. Ich begann mich selbst aufzulösen, und fand mich in der Unbegrenztheit von nicht endender Zeit und in der Absolutheit der Fläche wieder. Ich reduzierte mich auf ein absolutes Nichts.“

Aktuelles Porträt von Yayoi Kusama. Bildnachweis: Courtesy Ota Fine Arts, Victoria Miro & David Zwirner

Die Ausstellung im Gropius Bau zeigt rund 300 Werke aus 80 Jahren. Kuratiert wurde sie von Direktorin Stefanie Rosenthal in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin und ihrem Studio in Tokio. Und was zunächst als die simpelste Lösung erscheint, nämlich die Retrospektive chronologisch anzulegen, ist ein Glücksgriff. Nicht nur lässt Rosenthal die Ausstellung mit eben diesem frühen Schattenreich von Kusama beginnen, aus dem sich dann ihre späteren, sehr viel optimistischeren Arbeiten erheben. Auch eine andere kuratorische Entscheidung ist genau richtig.

„Infinity Mirrowed Room Love Forever“ 1966, Bildnachweis: Yayoi Kusama / Courtesy Ota Fine Arts

Stephanie Rosenthal zeigt nämlich neben umfangreichen Archivmaterial auch acht Rekonstruktionen von wichtigen Ausstellungen Kusamas aus den Jahren 1952 bis 1983. So kann man Yayoi Kusamas künstlerische Entwicklung nachvollziehen, aber eben auch ihren Kampf mit dem Kunstbetrieb, in dem sie sich als Frau behaupten musste. Schon ihr Kunststudium in Japan wurde von ihren extrem konservativen Eltern nur deshalb unterstützt, weil sie auch die traditionelle japanische Malweise erlernte.

Yayoi Kusama in New York: Erst Geldsorgen, dann Ausstellung

1958 zog Kusama dann nach New York, wurde von schweren Geldsorgen geplagt, bis die Freundschaft mit dem amerikanischen Künstler Donald Judd sie zur Galerie von Gertrude Stein brachte. Dort präsentierte Kusama in der Ausstellung „The Aggregation. One Thausand Boats Show“ unter anderen ein mit Phalli bedecktes Boot.  Yayoi Kusama, das zeigen Fotos, hatte sich selbst nackt mitten in die Installation platziert.

1965 zeigte sie bei ihrer „Floor Show“ in New York dann ihren ersten „Infinity Mirror Room“ mit Spiegelungen in einer unendlich wiederkehrenden Sequenz. Fast der gesamte Boden der Arbeit war mit weißen, rotbepunkteten Phalli aus Stoff bedeckt, in denen sich die Betrachter:innen unendlich oft selber sehen. Wieder mitten drin in der Phalli-Wiese, das zeigen Fotos: Kusama, diesmal in einem roten Ganzkörperanzug. Sie sagte dazu: „Indem ich mich für diese Arbeit inmitten der unendlichen Polka Dots einbette, wird meine mentale Kraft als Polka Dot gestärkt.“

Yayoi Kusama 1965 in „Phalli’s Field“

Ihre erste Ausstellung in Deutschland hatte sie 1966 in Essen, wo sie in der Galerie M. E. Thelen die Räume mit Teppichboden auslegte und unter anderem mit Punkten bedeckte Schaufensterpuppen installierte. „Sex Obsession, Food Obsession“ waren nur zwei Obsessionen, die der Titel nannte. Kusama selber trat bei der Eröffnung in einem traditionellen japanischen Gewandt auf. Der WDR-Fernsehbeitrag, den man im Gropius Bau sehen kann, hebt die Kraft dieser Inszenierung hervor. Aber auch, dass Kusama gesagt habe, sie wolle das „Unproblematische“ ihrer Kunst hervorheben. Ein Kunstgriff, der auch den Kimono erklärt. Hier wollte Kusama, so kann man es interpretieren, mit der Vorstellung des deutschen Publikums von einer japanischen Künstlerin verschmelzen, um eine weiche Landung für ihre erste Ausstellung in Deutschland sicherzustellen.

Seit 1973 lebt Yayoi Kusama wieder dauerhaft in Japan und sie ist trotz ihres mittlerweile hohen Alters weiter ungeheuer produktiv. Stephanie Rosenthal ist eine Ausstellung gelungen, an deren Ende man zwischen den pinken Tentakeln ein Glücksgefühl hat, dass man all das sehen durfte. Leider kann die Schau nicht verlängert werden, da sie bereits in Köln und Paris erwartet wird. Deshalb: Versucht, euch ein Ticket zu sichern.

  • Tickets kosten 15, ermäßig 10 Euro, es gibt sie Online auf der Homepage des Gropius Bau – es werden immer im Zwei-Wochen-Takt Kontingente freigeschaltet – immer freitags. Ein Test ist notwendig, aber auch nahe dem Gropius Bau nach Anmeldung möglich, alternativ werden eine zweite Impfung (nach 14 Tagen) bzw. eine Genesung anerkannt als Einlassoption.

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