Ausstellungen

Yoko Ono: Das Gift im House of Venison

Yoko OnoEin Ballett von umgestülpten Stahlhelmen wippt dem Besucher von der Decke entgegen. Das Martialische
wird aufgehoben durch die Form des Mobiles wie durch den Appell „Take home a piece of sky“: Himmelblaue Puzzlestücke laden dazu ein, sich ein friedlicheres Ambiente zusamenzustückeln.
Auf der anderen Seite der Halle hat Yoko Ono sieben Mäntel gravitätisch aufgehangen. 
„Beinhart“ wurden diejenigen getroffen, die der Wollstoff eben noch gewärmt hat.
Erst beim zweiten Hinsehen fallen die Einschusslöcher auf. Und im Zentrum prangt eine durchschossene Glasscheibe mit der Aufforderung:
„Geh auf die andere Seite des Glases und sieh durch das Loch“: So wechselt man die Täter- mit der Opferperspektive, fühlt sich mal in der Position des Aggressors, mal ohnmächtig ausgeliefert.
Missbrauch und andere Gewalttaten sortiert Yoko Ono derart ästhetisch, dass einem die raue Botschaft im Schlund stecken bleibt. So trifft der Ausstellungstitel „Das Gift“ ins Schwarze, spielt Ono doch mit der Bedeutungsverschiebung zwischen dem Deutschen und Englischen. Wie schnell erweist sich ein vermeintliches Geschenk als vergiftete Gabe. Gewalt schleicht sich mitunter leise heran – und trifft dann umso erbarmungsloser.

Yoko Ono, eine der ersten Happening-Künstlerinnen überhaupt, forderte Mitte der 1960er-Jahre in „Cut Piece“ das Publikum auf, auf die Bühne zu kommen und ihr die Kleider, die Haare, die Nägel wegzuschnibbeln: eine Grenzaktion zwischen Exhibitionismus und Masochismus. In Berlin zerschlitzte die Künstlerin eine
große
Leinwand mit dem Tapetenmesser. „Denke daran, dass du dich selbst und die Welt flickst, während du arbeitest“ lautet ihre schlichte Botschaft, die gerne angenommen wird. Berliner Besucher ‚heilen’ die Wunden mit Nadel und Faden.

Die in Japan geborene Künstlerin ist beeindruckend frisch trotz ihrer 77 Jahre und hat eine Mission: „Je mehr Gewalterfahrungen wir sammeln, umso mehr werden wir das Gefühl haben, dass unsere eigene Erinnerung von anderen Erinnerungen zugedeckt wird.“ Sie muss es wissen. Als 1980 ihr Lebens­partner John Lennon erschossen wurde, war sie
zunächst eine Zeit lang wie versteinert. Irgendwann rang sie sich mühsam ein Lächeln ab. Nun fordert sie in ihrer Installation „Berlin/Smile“
auf, via Com­puterkamera ein beherztes Lächeln in die Welt zu senden – als Botschaft, eine friedlichere Welt zu schaffen.

Text: Martina Jammers

Yoko Ono „Das Gift“
Haunch of Venison, Heidestr. 46, Tiergarten
Di-Sa 11-18 Uhr, bis 13.11.

 

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