Ausstellungen

„You Killed Me First“ in den Kunst-Werken

KW_YKMF_c_Richard_Kern_Nick_ZeddIn New York geht ein offensichtlich gutsituiertes Paar eine Straße entlang. Vor dem Schaukasten eines Kinos bleiben die beiden stehen, sie sprechen darüber, ob es sich lohnen würde, einen Film anzusehen. Dann gehen sie weiter, bis sich ihre Wege trennen. Die Frau betritt einen Kosmetiksalon, der Mann hebt Geld aus einem Automaten ab. Die ganze Zeit werden sie dabei schon von einem Mann verfolgt, der mit seinen entgleisten Gesichtszügen wie ein Verrückter aussieht. Erst im Abspann des zehnminütigen Films „Stray Dogs“ von Richard Kern wird deutlich, was es mit diesem Freak auf sich hat: Er ist ein Fan des eleganten Mannes, der nun nach Hause geht und sich vor ein Bild setzt. Er ist Maler.

Der Fan aber lässt nicht von ihm ab, im Gegenteil, er geht mit in das Atelier, beginnt dort zu masturbieren, bis ihm schließlich – vor Neid? Vor Begeisterung? – der Arm abreißt. Die blutende Wunde ist das schockierendste Detail in dieser Underground-Produktion aus dem Jahr 1985, in der neben den Restbeständen eines Plots vor allem ein Element bestimmend ist: die metallische Musik von J. G. Thirlwell, einem gebürtigen Australier, der unter verschiedenen Namen (Foetus, Clint Ruin …) seit den achtziger Jahren zu den zentralen Figuren an den Kreuzungspunkten von Punk, No Wave und Industrial mit ihren jeweiligen Post-Ausprägungen gehört.

Die Kombination von rudimentärer Spielfilmhandlung mit avantgardistischen Durchkreuzungen, die „Stray Dogs“ zeigt, ist typisch für die Filme, die für die Ausstellung „You Killed Me First“ in den Kunst-Werken ausgewählt wurden. Die Kuratorin Susanne Pfeffer schließt hier in gewisser Weise an „Joe Coleman. Internal Digging“ an, mit der sie 2007 die Nachfolge von Klaus Biesenbach angetreten hatte. Coleman ist vor allem Maler, in seiner Beschäftigung mit den dunklen Seiten der amerikanischen Populärkultur finden sich aber zahlreiche Parallelen zu dem „Kino der Trangression“, das in „You Killed Me First“ zu sehen sein wird, und an einer Stelle zählt Coleman auch zu den Mitwirkenden in den immer offenen Konstellationen, in denen hier gearbeitet wurde.

KW_YKMF_c_Nick_ZeddVon 1982 bis 1993 reicht die Zeitspanne, die in „You Killed Me First“ erfasst wird. Es waren Jahre, die in New York von großen sozialen Spannungen bestimmt waren (die Verwüstungen der siebziger Jahre waren noch keineswegs überwunden), zudem von den enormen Opfern, die das HIV-Virus verursachte. Aber es waren eben auch Jahre, in denen sich ein vielfältiger Underground formierte, der in den letzten Jahren wieder sehr intensiv rezipiert wurde. Der Dokumentarfilm „Blank City“ von Celine Dahnier, der vor zwei Jahren auch im Panorama der Berlinale lief, ist dafür ein gutes Beispiel. Viele der Figuren, die in „You Killed Me First“ vorgestellt werden, sind auch dort zu sehen. Die prominentesten sind wohl Richard Kern und Nick Zedd, zwei Off-Filmemacher, die zum Teil auch kooperierten. Kern schuf mit dem Zyklus „Manhattan Love Suicides“, zu dem auch „Stray Dogs“ gehört, ein zentrales Werk dieser Bewegung. Zwischen Musikvideo und Fetischporno ist bei Kern alles möglich, mal wird eine Vagina zugenäht („The Sewing Circle“), mal steigt eine Frau in die Flammen, die aus dem brennenden Öl in einer Küchenpfanne lodern („I Hate You Now“), häufig fährt die Kamera aber auch einfach die Straßen der verwahrlosten Lower East Side entlang und folgt ausgemergelten Figuren auf ziellosen Gängen durch die Stadt.

Fast alle der am Soundtrack beteiligten Gruppen und Musiker sind bedeutend: neben Thirlwell zum Beispiel SPK oder The Dream Syndicate und an einer markanten Stelle auch Sonic Youth, zu deren „Death Valley ’69“ Kern 1986 eine Art Musikvideo drehte, in dem auch Lydia Lunch zu sehen ist, die im Rahmenprogramm zu der Ausstellung in Berlin aus ihrem neuen Buch „Paradoxia“ lesen wird. Neben den zentralen Filmen, die auch auf den einschlägigen Videoportalen durchwegs leicht zu finden sind, werden in „You Killed Me First“ noch ein paar weitere Spuren verfolgt. So bildet zum Beispiel „Nymphomania“ von Tessa Hughes-Freeland den deutlichsten Anschluss bei einer früheren New Yorker Filmavantgarde der späten 50er- und der 60er-Jahre, bei den Travestien eines Jack Smith vor allem. In „Nymphomania“ ist es die Tänzerin Holly Adams, die sich als Nymphe in freier Natur in schwelgerischen Bewegungen ergeht, bis der geile Gott Pan nicht länger nur an seinem großen Ding herumrubbeln will und brutal über sie herfällt. Auch hier tauchen, wie mehrfach bei Kern, Elemente des Splatterkinos auf.

KW_YKMF_c_Richard_KernHeute ist es nicht mehr ganz unmittelbar nachzuvollziehen, wie anstößig diese Arbeiten damals waren, auch deswegen, weil die Digitalisierung zu einer radikalen Privatisierung des Filmemachens geführt hat und Transgression zu einem fast schon gängigen Merkmal der Selbstinszenierung geworden ist. Den Streitwert kann man aber mindestens daran ermessen, dass eine der interessantesten Arbeiten, die nun in „You Killed Me First“ zu sehen sind, noch vor einem Jahr einen Kunstskandal in den USA bewirkte. Damals sah sich ein Mitarbeiter der angesehen Smithsonian Museen in Washington dazu bemüßigt, den Film „A Fire in my Belly“ von David Wojnarowicz aus einer Ausstellung zu entfernen. Die Maßnahme hatte ein wesentliches Motiv wohl nicht so sehr in den queeren Motiven, die hier deutlich sind, sondern in der Umschrift religiöser Motive. Eine Jesus-Figur, über die Ameisen krabbeln, während die Sängerin Diamanda Galбs mit Macht eine alttestamentarische Litanei über „Unreinheit“ herausbrüllt, das geht wohl auch heute noch für viele gutsituierte Bürger zu weit. In den Arbeiten von Wojnarowicz ist eine Komplexität angedeutet, die in den bewusst rauen und vielfach auch simplen Filmen von Kern und Zedd nicht zu finden ist. Dort dominiert der Gestus von Punk, das schroffe Riff, die drastische Parodie, das Unvermögen im Sinne konventioneller Kunstpraxis.

Dass vier der wesentlichen Protagonisten auch persönlich nach Berlin kommen werden, könnte zumindest im Fall von Richard Kern auch für kontroverse Diskussionen sorgen. Denn er hat mit seinem späteren Werk doch recht deutlich die Seite gewechselt und fotografiert nun die Mädchen, die er 1985 in seinem Film „You Killed Me First“ noch der Lächerlichkeit preisgegeben hatte – die Mädchen, die an Clearasil denken, während die aufsässige Schwester auf keinen Fall „pretty“ und sicher nicht „more feminine“ sein möchte.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Richard Kern, Nick Zed

„You Killed Me First. The Cinema of Transgression“ Karen Finley, Tessa Hughes-Freeland, Richard Kern, Lung Leg, Lydia Lunch, Kembra Pfahler, Casandra Stark, Tommy Turner, David Wojnarowicz, Nick Zedd

KW Institute for Contemporary Art – Kunst-Werke, Auguststraße 69, Mitte, Di+Mi, Fr–So 12–19 Uhr, Do 12–21 Uhr, 19.2.–9.4., Eröffnung: Sa 18.2., 17–22 Uhr; www.kw-berlin.de

Gespräch mit Nick Zedd Di 21.2., 19.30 Uhr; Gespräch mit Richard Kern Mi 22.2., 19.30 Uhr; Lesung von Lydia Lunch
Aus ihrem Roman „Paradoxia, A Predator’s Diary“, Do 15.3., 19.30 Uhr; Gespräch mit Tessa Hughes-Freeland Di 27.3., 19.30 Uhr

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