Ausstellungen

Zeichnungen von Fernando Bryce bei Barbara Thumm

Das ist anders als die bloße Lektüre aus historischem Interesse oder die Archivierung, denn die abgeschriebenen Texte, die nachgezeichneten Anzeigen und Fotografien, die erst auch einmal gesucht und gefunden werden müssen, stehen auch für die Mühe des Prozesses, sich über die Zeiten hinweg Vergangenheit anzueignen. Das Kapitel, das er jetzt mit der Serie „Die Welt“ in der Galerie Barbara Thumm aufschlägt, reicht von der Zeit des klassischen Imperialismus bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Bryce nutzt Zeitungen aus Peru, Frankreich und Deutschland, um die Auswei­tung von Märkten und die kolo­nia­len Herrschaftsansprüche zu verfolgen, die oft schon in die Embleme und symbolische Ausgestaltung der Zeitungstitel eingeflossen waren. Zudem durchsetzt er das Ensemble mit Porträts, zum Beispiel von Rosa Luxemburg, einer frühen Theoretikerin der Geld- und Migrationsströme, oder Jacob Morenga, der in Deutsch-Südwestafrika den Aufstand gegen die deutschen Schutztruppen anführte. Und während auf der einen Seite die Unterschiede in der Bewertung der Ereignisse nicht zu übersehen sind, wird auf der anderen Seite deutlich, wie sich die damaligen Konfliktlinien bis in die Gegenwart hineinziehen, und was heute die Welt erschüttert, damals schon reflektiert wurde. Dabei haben die Tuschzeichnungen, alle im gleichen Format, auch ästhetisch die Anmutung einer großen Verbundenheit mit der Welt und der Geschichte, erzählen sie davon doch mit einem fast familiären Gestus, wie ein persönliches Erinnerungsbuch. Wie ein Album, das der Urgroßvater für seine Enkel angelegt hat, um seine mit ihrer Geschich­te zu verbinden. Und wohltuend ist nicht zuletzt, dass Bryce anders als die neue Geschichts­versessenheit im deutschen Film und Fernsehen keine nationalen Glorifizierungen und Mythisierungen treibt, sondern internationalen Linien folgt.

Text: Katrin Bettina Müller

Fernando Bryce
Galerie Barbara Thumm,
Markgrafenstraße 68,
Di-Sa 11-18 Uhr, bis 20.12.2008
Eine zweite Serie von Bryce
ist Teil der Ausstellung „Die Tropen“
im Martin-Gropius-Bau, bis 5.1.2009

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