Ausstellung

Zineb Sedira: Von der Biennale in Venedig nach Berlin

Zineb Sedira bespielte bei der Biennale von Venedig 2022 erfolgreich den französischen Pavillon. Jetzt mischt sie im Hamburger Bahnhof Performance, Installation und Film – und lässt so mit „Dreams Have No Titles“ die aktuelle Identitätsdebatte schweben.

Das Setdesign „Le Bal“ von Zineb Sedira mit Tänzer:innen in der Eröffnungswoche.  Foto: Zineb Sedira
Das Setdesign „Le Bal“ von Zineb Sedira mit Tänzer:innen in der Eröffnungswoche. Foto: Zineb Sedira

Für Zineb Sedira stehen Menschen Schlange

Paris, in den frühen 1970er-Jahren. Die junge Zineb Sedira geht mit ihrem Vater regelmäßig in das kleine Stadtteilkino im Vorort Gennevilliers. Und was sie da sieht, fasziniert sie: Ägyptische Filme mit viel Tanz und Musik, Sandalenfilme und vor allem: italienische Spaghettiwestern. „Populärkultur, keine Avantgarde-Filme oder politische Werke“, wie Sedira sagt, die heute in London lebt und international als politisch ziemlich relevante Künstlerin rezipiert wird. Aber damals, in diesem kleinen französischen Vorort-Kino, waren es zunächst die farbgesättigten Streifen der 1960/70er Jahre, die sie prägten – und in denen ebenso wenig an dramatischen Gesten gespart wurde wie an Maske, Make-up und Kostüm. Und die auch deshalb die Möglichkeit boten in andere Welten abzutauchen. Dieses kleine Kino war daher schlicht: „A magical Space“ für die Künstlerin.

Jahrzehnte später stehen Menschen in Venedig Schlange, um den Französischen Pavillon zu sehen, der dank der erwachsenen Zineb Sedira bei der Kunstbiennale zu einem ähnlich magischen Ort wurde. Ihr Beitrag „Dreams Have No Titles“, eine Mischung aus Performance, Film und Set-Design, verwandelte diesen Pavillon 2022 mühelos in den Schauplatz eines Live-Drehs der 1960/1970er-Jahre. Unterstützt von einem Kurator:innen-Team, zu dem auch die neuen Direktoren des Hamburger Bahnhofs, Sam Bardaouil und Till Fellrath, gehörten, vertrat sie mit diesem stimmigen Kunst-Film-Crossover ihr Heimatland Frankreich. Und wird diese Arbeit im Februar im Hamburger Bahnhof zeigen, dem neuen Arbeitsplatz ihrer Kuratoren Fellrath und Bardaouil.

Ein Publikumsmagnet

Dafür werden auch in Berlin die liebe- voll und akkurat nachgebauten Filmsets, in denen noch die kleinste Streichholzschachtel und jeder Aschenbecher Zeitgeschichte sind, aufgebaut. Zu dem Projekt gehören auch „Behind the Scenes“ – Installationen wie Garderoben und Maskenräume. In einer Performance-Einheiten werden Menschen täglich über das 1960/70er Jahre Set tanzen, und „die Schau aktivieren“, wie Direktor Sam Bardaouli beim Gespräch im Hamburger Bahnhof sagt. Komplementiert wird diese Arbeit, die wie ein Film über Filme funktionieren soll, dafür mit Musikbühnen für Live-Musik und dem original Kamera- Equipment dieser Zeit – so aufgebaut, als sei hier tatsächlich gerade gedreht worden.

Was zumindest einmal tatsächlich so geschehen sein soll: Der in diesen Kulissen gedrehte Film, in dem die Künstlerin mit Familie und Freunden zu sehen ist, wird auch gezeigt. Es ist allerdings ganz und gar kein Spaghetti-Western, sondern unter anderem eine Reminiszenz an „Le Bal“, Ettore Scolas preisgekrönte getanzte Meditation über 70 Jahre französischer Geschichte.

Zineb Sedira: Der Kinoraum aus dem Setdesign „Way of Life“ (2019-2022) Foto: Thierry Bal
Zineb Sedira: Der Kinoraum aus dem Setdesign „Way of Life“ (2019-2022) Foto: Thierry Bal

Zineb Sedira lässt sich von Neuen Algerischen Kino inspirieren

Denn das ist der Unterschied zwischen dem Mädchen und der erwachsenen Künstlerin: Die Referenzfilme der gezeigten Settings sind gesellschaftliche und politisch relevante Avantgarde. Vor allem aus der Zeit der 1960er Jahre. Da konnte das Heimatland von Sediras Eltern, Algerien, unabhängigen Filmemacher:innen nach der eigenen, hart errungenen Unabhängigkeit für kurze Zeit die Möglichkeit geben, ihre neuen Ideen umzusetzen – auch weil die damalige algerische Regierung konsequent auf Filmförderung setzte. Interessanterweise, und wenig bekannt, sind viele dieser Filme in Kooperation mit Italien oder Frankreich entstanden. Oder hatten Algerien als Drehort, wie bei Viscontis „The Stranger“ von 1967 oder die franko-algerische Produktion, „Z – Anatomie eines politischen Mordes“ von Costa Gavras (1969).

Der auch in Deutschland bekannteste dieser Filme ist sicher „Die Schlacht von Algier“ des Italieners Gillo Pontecorvo aus dem Jahr 1965. Ein Film, der die Brutalität, mit der Frankreich auf die algerischen Unabhängigkeitsbestrebungen reagierte, beklemmend nachzeichnet. Und der auch Nicht-Cineasten als antikolonialer Meilenstein ein Begriff sein dürfte. Und damit heute wieder sehr aktuelle Themen verhandelt.

Mit diesem Werk, in Venedig 1966 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, wurde das neue algerische Kino schlagartig bekannt. In ihm sammelten sich die später oft bitter enttäuschten Hoffnungen auf eine Zukunft für alle in dem postkolonialen, und später vom Bürgerkrieg zerrütteten Land: „Es war diese Aufbruchsstimmung, diese Energie, die festhalten wollte“, wie die Künstlerin sagt.

  • Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50/ 51, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18, Do bis 20, Sa+So 11–18 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J.+1. So/ Monat frei, 24.2.–30.7., online

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