Ausstellungen

Zwei Ausstellungen von Otto Piene

Otto Piene

Seine Lichtskulpturen sind spektakulär. Was mit Seifenblasen und Luftballons am Nachthimmel begann, entwickelte sich zu Otto Pienes Markenzeichen: die Einbeziehung von Licht und Schatten, Feuer und Rauch. Kunst so elementar wie die Natur, flüchtig wie ihre Kapriolen. Eine einzige Entgrenzung. Eigentlich schwer auszustellen und doch möglich, als ephemeres Farberlebnis und psychedelische Multimedia-Performance.
Eher zufällig hatte der Künstler entdeckt, dass sich die Siebe, die er anfangs für seine Rasterbilder verwendete, auch zur Projektion von Licht-Schatten-Spielen eigneten. Er musste sie einfach nur anstrahlen. So entwickelte der im westfälischen Laasphe geborene Künstler 1959 mit Rastersieb und Handlampe die erste Aufführung des „Archaischen Lichtballetts“. Ein raumfüllendes Spektakel aus Licht und Bewegung.
Otto PieneMit Heinz Mack und Günther Uecker bildete er die Künstlergruppe Zero, der eine nagelnd, die anderen mit Struktur- beziehungsweise Rasterbildern. Sie opponierten gegen das Informel und forderten einen Neubeginn in der Malerei unter Einbeziehung von Himmel, Wasser, Wind und Feuer. Die ersten Ausstellungen in Pienes Düsseldorfer Atelier besaßen Eventcharakter, vor allem durch ihre zeitliche Begrenzung auf einen Abend.
Später realisierte der dreimalige documenta-Teilnehmer zahlreiche interdisziplinäre Großprojekte im öffentlichen Raum. So schuf er den monumentalen Regenbogen für die Abschlussfeier der Olympischen Spiele 1972 in München (siehe Bild oben) und seine Sky-Art-Pojekte: helium- oder luftgefüllte Formen am Himmel, die durch den Wind bewegt und bei Nacht angestrahlt werden – ein Aufbruch in bis dato unbekannte künstlerische Sphären.
Am 19. Juli lässt sich vor der Neuen Nationalgalerie ein solches Sky-Event erleben, mit dem der Pionier der Licht- und Multimediakunst einst das Kunstverständnis erweiterte. Dort wird die Nacht zum Tag. Drei bis zu 90 Meter hohe Luftskulpturen bilden illuminierte Sterne. Schon einmal schwebte ein solcher Stern über Berlin – 1984 am Ernst-Reuter-Platz. Nun erhebt sich der „Berlin Superstar“ vor dem Mies-van-der-Rohe-Tempel.
Drinnen erwartet die Besucher in den nächsten Wochen, ebenfalls des Nachts, eine schillernde Multimedia-Installation. 1967 ursprünglich für ein New Yorker Off-Theater konzipiert und auch in Deutschland aufgeführt, entfaltet die Dia-Performance „Die Sonne kommt näher“ ihre spektralen Farbreize in der gläsernen Halle des Museums. Über 1.000 handbemalte Glasdias werden dafür in den transparenten Ausstellungsraum projiziert.    
Otto PieneBewegliche Kreisformen bilden ein buntes Planetensystem, das den Blick auf sich zieht. Piene selbst assoziiert eine „poetische Raumfahrt“. Der Künstler, dessen Lichträume und -ballette für eine Spiritualisierung der Materie stehen und eine fast romantische Sehnsucht nach der Verbindung von Natur, Kunst, Wissenschaft und Technik ausdrücken, darf als Ahne für manch jüngeren Zeitgenossen gelten.
Man denke nur an Уlafur Elнassons Wasser-, Licht- und Nebelinstallationen. Durch seinen Umzug nach Amerika konnte Piene den Traum vom interdisziplinären, experimentellen Arbeiten bereits Ende der 60er-Jahre verwirklichen. 20 Jahre lang war er Direktor des Center for Advanced Visual Studies in Boston, arbeitete mit Ingenieuren zusammen an einer Kunst, die die Umwelt einbezieht.
„Ich muss gestehen, dass ich in meiner Arbeit immer dann am glücklichsten war, wenn sie eine überraschende Wendung nahm“, bekannte der Altmeister, der bis zuletzt in den USA sowie in Düsseldorf lebte. Für die Ausstellungskooperation zwischen Neuer Nationalgalerie und Deutscher Bank KunstHalle reiste er nach Berlin, wo er am Tag nach den Ausstellungseröffnungen an den Folgen eines Herzinfarktes verstarb. Unter den Linden krönt ein eigens von ihm entworfener Lichtraum die mit Bildern, Zeichnungen und Lichtobjekten reich bestückte Schau.
Im Mittelpunkt der KunstHalle steht dabei das faszinierende Frühwerk des Lichtkünstlers. Der dachte die Malerei weiter, als viele es gegenwärtig tun. Für Piene wurde ein Gemälde zum „Schwingungsfeld, zur Erscheinung reiner Energie und damit zu einer Bestätigung des Lebendigen“. Das Erlebnis der Farbe und des Lichts ebnet den Weg für alternative Erfahrungen – von Entgrenzung und Immaterialität, auch von Gemeinschaft.
Seinen experimentellen Umgang mit den Elementen bezeugen auch Rauch- und Feuerbilder, die kein Pinsel berührte. Der Mann packte 1962 Ruß auf die Leinwand und kokelte, als Lucio Fontana schlitzte. Die Brandspuren lassen sich in der Ausstellung ebenso besichtigen wie feurige Sonnen, Kometen oder „Die Geburt des Regenbogens“. Die Renaissance seiner Werke kommt nicht von ungefähr. Sie versprühen Energie – bis heute.

Text: Andrea Hilgenstock

Foto ganz oben: Sammlung Deutsche Bank / Mathias Schormann, Bonn 2014

Foto mittig und unten: Galerie Art Intermedia, Köln, 1967 / Walter Vogel

Die Sonne kommt näher, Deutsche Bank ?KunstHalle, Unter den Linden 13-15, Mitte, tgl. 10–20 Uhr

More Sky, Neue National?galerie, Potsdamer Straße 50, Tiergarten Di–So 22–3 Uhr, bis 31.8.?

Sky Art Event ?am Sa 19.7., 17 -3 Uhr, Neue Nationalgalerie. Das Event wird auf Wunsch der Familie des Künstlers stattfinden.

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