Ausstellungen

Zwei Tage Kunst: Das Festival 48 Stunden Neukölln

48 Stunden Neukölln

In den letzten zehn Jahren sind enorm viele Künstler nach Neukölln gezogen. Nur die wenigsten können von ihrer Kunst leben. Und wenn sie es können, kommen ihre Sammler in der Regel nicht aus Neukölln, sondern aus München, Zürich oder New York. „Wenn die Neuköllner Kunstszene als künstlerischer Untergrund, jung, international, avantgardistisch oder progressiv beschrieben wird, heißt das doch nur, dass in den Augen der etablierten Kunstinstitutionen und Sammler die Szene kaum eine Rolle spielt„, sagt Klaus Bortoluzzi von der Galerie R 31. Für die vielen Künstler gibt es in Neukölln vergleichsweise wenige professionelle Galerien. Seit 2003 ist die Galerie R31 eine wichtige Anlaufstelle für Künstler in Nord-­Neukölln. Seit sechs Jahren existiert sie unabhängig von öffentlichen Förderungen. Sie versteht sich als eine Non-Profit-Produzentengalerie. In den letzten Jahren hat sie mit Gruppenausstellungen den Versuch unternommen, Positionen zu Fragen der künstlerischen Produktion zu entwickeln.
Es gibt nicht „die“ Neuköllner Kunstszene – genauso wenig wie „die“ Berliner Kunstszene. Letztlich ist sie eben doch ein sehr heterogenes Gebilde: „Alteingesessene Künstler treffen auf künstlerische Nomaden, die vielleicht ein paar Monate oder Jahre hier sind und dann dorthin weiterziehen, wo es hipper oder billiger ist“, sagt Anja Bischoff vom Projektraum Pflüger68. Inhaltlich oder formell sieht sie zurzeit keine Neukölln-spezifische künstlerische Sprache oder Neukölln-spezifische Themen. Quasi eine Bürogemeinschaft von Selbstständigen, nutzt sie einen Teil ihrer Räume für Ausstellungen. Dass ihre Räume mit dem Erlös aus anderen Tätigkeiten finanziert sind, macht sie unabhängig von Förderungen oder kommerziellen Zwängen.
Auch wenn solche Ausnahmeprojekte gut laufen, sieht es insgesamt nicht danach aus, dass sich die prekäre finanzielle Situation der Neuköllner Künstler in naher Zukunft verbessert. Die meisten Künstler brauchen andere Möglichkeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Auch die künstlerischen Förderungen des Senats und des Bezirks sehen viele aus der Off-Szene als reine Elitenförderung. Trotz wachsender öffentlicher Aufmerksamkeit, erwidern nicht wenige Skeptiker, bleibe der Standort Neukölln für die Vermarktung und den Verkauf zeitgenössischer Kunst ungeeignet – auch wenn das Kindl-Zentrum für zeitgenössische Kunst ein kunstinteressiertes Publikum ab Herbst nach Neukölln locken wird.
Dass dem nicht so sein muss, beweist Anne Schwarz, die lange Jahre in den eta­blierten Galerien Max Hetzler in Charlottenburg und CFA in Mitte gearbeitet hat und seit 2011 ihre eigene Galerie Schwarz Contemporary betreibt, die sich finanziell rentiert. Für sie sei Neukölln der beste Standort, weil fast alle ihrer Künstler (darunter viele UdK-Absolventen) ihre Ateliers in der Nähe haben und so ein reger Austausch möglich ist. „In einem anderen Viertel könnten wir uns als junge Galerie unsere Räume mit 160 Quadratmetern auch nicht leisten“, sagt sie. Was 48 Stunden Neukölln angeht, fände sie es aber es gut, wenn es zum Austausch von Inhalten auch durch die professionell und kommerziell arbeitenden Galerien käme. Bisher richte sich das Festival an Einzelpersonen und Projekträume, „also an Leute, die nicht am großen Kunst-Rad mitdrehen“, kritisiert Schwarz.
Zwar ist das Kunstfestival 48 Stunden Neukölln für viele Neuköllner Künstler wichtig als Kunstmesse, die nicht von Kuratoren gelenkt wird. Gerade das wird dann aber von den etablierten Playern im Kiez kritisiert, etwa von Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, dem Direktor von Savvy Contemporary mit seiner spektakulären Location im alten Umspannwerk in der Richardstraße. Für ihn ist die Auswahl bei 48 Stunden viel zu beliebig. Und das Festival steht inzwischen für Eventkultur: Böse Zungen behaupten, das Publikum zahle lieber für Bier und Wein als für die eigentliche Kunst. Und das Jahr über ist es, wie selbst Festivalleiter Martin Steffens zugibt, „erstaunlicherweise immer noch so, dass Menschen aus gutbürgerlichen Bezirken es als aufregende Ausnahme erleben, nach Neukölln zu kommen. Selbstverständlich ist es noch immer nicht geworden, hier anspruchsvolle Kultur zu konsumieren“. Mit dem Kindl-Zentrum ab Herbst erhofft er sich, dass dann vielleicht die Feuilletons bereitwilliger über die kleineren künstlerischen Projekte berichten.
Wie wird Neukölln 2024 aussehen? Werden dann hier Berliner wohnen, die viel Geld in einstige Brauereien und Kraftwerke gesteckt haben, ihre schicken Privatsammlungen vorführen und im Nachbarkiez wird weiter prekär experimentiert? „Uns wird es jedenfalls hier so lange geben“, sagt Anja ?Bischoff vom Projektraum Pflüger68, „wie wir die Miete zahlen können.“

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Jens Ziehe, NBK, Savvy Contemporary

48 Stunden ?Neukölln: Berlins größtes freies Kunst­festival versteht sich als jährliches Forum für Projekte aller Sparten. Es präsentiert Ausstellungen, Aktionen, Performances und Angebote für Kinder an mehr als 200 verschiedenen Orten.

Das Programm finden Sie auf www.48-stunden-neukoelln.de, ?Fr 27.6.–So 29.6.

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