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Zweiter Teil: „Gerhard Richter: Panorama“ in der Neuen Nationalgalerie

gerhard_richter_Seestueck_croppedSolch harsche Kritik widerfährt Richter selten. Sein Њuvre gilt geradezu als kanonisch. Was an seinem Werk auch in der Nationalgalerie als Erstes auffallen wird, ist die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Da hängt neben den „Sechs Farben“ von 1966, die in ihrer nüchternen Klarheit kaum zu übertreffen sind, das nach einem Foto entstandene Bild des berüchtigten Euthanasie-Täters Werner Heyde (1965) oder den sich ganz dem Flowerpower-Feeling hingebenden „Liebespaaren“ (1966). Sein „Schattenbild“ (1968) wie seine „Vier Glasscheiben“ reagieren auf die Op-Art, während sein berühmter RAF-Zyklus die kollektiven Ängste des Heißen Herbstes 1977 widerspiegelt und dank ihrer Verwischung eine fragmentarisch-kritische Gedächtniskunst jenseits historischer Tafelmalerei etabliert. Banale Büromöbel, Kronleuchter, Klopapierrollen, weghuschende Sekretärinnen, Bombengeschwader, Reklame für Wäschetrockner, Himmelblau – und vor allem Grau: Da kommen viele Themen zusammen. Ist Gerhard Richter ein Tausendsassa, ein Chamäleon, das sich allen Strömungen öffnet – und anschließt? Man kann sich seine Käufer nicht immer aussuchen, aber dass Richter besonders mit seinen eher belanglosen „Farbfeldern“ auf den Vorstandsetagen der Banken, bei Politikern und Unternehmensberatern zu finden ist, wirft doch auch auf sein Werk ein bezeichnendes Licht. Hier regiert die fade Trinität von Groß – Bunt – Abstrakt, die zumeist Beliebigkeit bedeutet. Mit seinem legendären „Ema (Akt auf einer Treppe)“ hat Richter dagegen ein klares Statement geliefert: Das Gemälde arbeitet sich ab an Marcel Duchamps Klassiker von 1912. Richter positioniert sich mit seinem Akt als Künstler, dem die Poesie des Malerischen am Herzen liegt und der mit dem Dekonstruieren nichts anfangen kann.

Dies lässt sich besonders an seinen Seestücken und Alpenbildern ablesen, die an die Erhabenheit in Turners Szenerien gemahnen. Perfekt ist sein Illusionismus in seinen Vorhang-Bildern, die in Thomas Demand einen peniblen Erweiterer gefunden haben. Die Skizzen zu seiner „Bühler Höhe“ zeigen, wie der Künstler von eruptiv auf die Leinwand gesetzten Strichen später zu einer ausgesprochenen Feinmalerei findet. Wie hinter Gaze verschleiert wirkt die sündhaft teure „Kerze“, von denen eine aus dem Burda-Museum Baden-Baden entliehen wurde. Nicht weniger als 25-mal hat er das Sujet auf die Leinwand gepinselt. Die Kerze impliziert für ihn etwas ausdrücklich: „Heiliges“. Für Richter ist die Kunst so etwas wie ein Kompensat zur Alltagsödnis: „Ein Bild kann helfen, etwas zu denken, was über dieses sinnlose Dasein hin ausgeht.“

Auffallend sind die Bezüge zur Kunstgeschichte. Seine „Lesende“ lässt in ihrer ernsthaften Vertiefung an Vermeers „Briefleserin“ denken. Inspiriert von Caspar David Friedrich unternimmt Richter eine Kreuzfahrt in die Arktis, woraufhin eine Reihe von Bildern wie „Eisberg und Nebel“ entsteht. Die Rakelbilder der letzten Jahre mit ihren Überdeckungen und Schabungen verorten wie Monets späte Seerosenbilder die Tiefe an der Oberfläche. Im Entstehungsprozess spielt dabei der Zufall eine große Rolle, das Gestische drängt sich in den Vordergrund. Doch eines, wie kürzlich auch die Zeitschrift „art“ bemerkte, fehlt bei Richter: Humor! Nicht mal ein Hauch von Ironie ist zu entdecken, ganz anders als bei Polke oder Kippenberger. Parallel zur Neuen Nationalgalerie zeigt der me Collectors Room die Editionen, die Richter von 1965 bis 2011 ersonnen hat, um auch weniger betuchten Kunstliebhabern „4096 Farben“, „Betty“ in Rückenansicht oder die berühmte „Kerze“ angedeihen zu lassen. Letztere wirkt mit ihren schwarzen, rußartigen Rudimenten sogar geheimnisvoller als ihre millionenschwere Schwester. Die Olbricht Collection in der Auguststraße ist weltweit die einzige Privatsammlung, die fast alle Editionen von Richter besitzt. „Hauptwerke kann man als Sammler kaum geschlossen erwerben“, meint der kunstvernarrte Thomas Olbricht. Editionen hingegen schon. So kann man seine Sammelleidenschaft ausleben. Die von Wolfgang Schoppmann kuratierte Schau „Gerhard Richter – Editionen“ mit 220 Arbeiten ist variantenreich und präsentiert Druckgrafiken, Foto-Editionen, Multiples wie „Kugel“ und „Spiegel“, Gemälde-Editionen, Künstlerbücher und -plakate. Sogar Schallplatten mit Bachs „Goldberg-Variationen“ verleiht Richter durch grelle Pinselstriche direkt auf das Vinyl ein neues Dasein.

Text: Martina Jammers

Gerhard Richter: Panorama Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, Tiergarten, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, 12.2.–13.5.

Gerhard Richter – Editionen 1965–2011 me Collectors Room, Auguststraße 68, Mitte, Di–So 12–18 Uhr, 12.2.–13.5.

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