Ausstellungen

Zwischen Erzählung und Spiel

Eran Schaerf, Bonn 2013

Überlebensgroße Hände teilen in dem Video Flugblätter aus. Sie zeigen die Marmara, eines von sechs türkischen Hilfsgüterschiffen, die im Mai 2010 von der israelischen Marine gekapert wurden. Neun propalästinensische Aktivisten verloren bei dem Massaker ihr Leben. Im Video schleppen die Demonstranten ein Pappmodell der Marmara heran. „Doch selbst diese Attrappe ist dem israelischen Militär schon zu viel gewesen“, sagt Filmschöpfer Eran Schaerf. „Sie haben es umgehend zerstört.“ Die Szenen hat er nachstellen lassen, was ihnen nichts von ihrer Eindringlichkeit nimmt.
Oftmals jonglieren Schaerfs Inszenierungen zwischen Erzählung und Spiel. Schlafwandlerisch überschreitet der 1962 in Tel Aviv geborene Künstler mediale Grenzen. Nach dem Architekturstudium kam er 1985 an die HdK (heute UdK) Berlin. Nicht nur räumlich wollte er sich verändern, sondern sich auch der Malerei zuwenden. Doch zunächst landete er in der Architekturklasse, die ihm paradoxerweise den Weg zur Fotografie bahnte. Diese Fakultät besaß als einzige der HdK ein Fotolabor.
Seine jüdische Familie, die 1938 aus Freiburg nach Palästina fliehen musste, war entsetzt angesichts seiner Übersiedlung nach Berlin. Und Schaerf im Unterschied dazu komplett überrascht, dass die im Heimatland unter Postnaziverdacht stehenden Deutschen am 8. Mai 1985 vor der Gedächtniskirche für den Frieden demonstrierten.
Schaerf setzt hochpolitische Themen künstlerisch um. In seiner Installation „Panorama“, die von den Fotografien und den Videoarbeiten durch eine Gazewand abgetrennt ist, lässt er an fünf Stellen Kabelbinder von der Decke baumeln, wie sie die Polizei bei Demos statt Handschellen einsetzt. An jedem Strang befestigt er symbolische Objekte sowie Pressefotos, die er aus Zeitungen und Internet aufgelesen hat und die um ein konkretes Motiv kreisen. Die halbtransparente Gazewand in der Akademie-Halle markiert den Moment des Öffentlichwerdens einer Meldung: Von den Kabinen her werden die Assemblagen nur schemenhaft wahrgenommen, wecken aber den Voyeur in uns.
Schaerf analysiert theatralische Strategien, wie das Medium zur Bühne wird, auf der sich Politik als Theater inszeniert. „Das Theatralische einer Demo hat eine Menge von Gemeinsamkeiten mit artistischen Spektakeln“, so der dreimalige Teilnehmer der Biennale di Venezia. Er wird am 20. September mit dem Käthe-Kollwitz-Preis ausgezeichnet. Die Jury attestiert seinen Arbeiten eine künstlerische Position, „die sich keiner Bewegung von Gleichgesinnten oder eines kuratorischen Gemäuers versichern musste, um ihre Sprache zu setzen“.

Text: Martina Jammers

Foto: Eran Schaerf / fm-scenario / VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Eran Schaerf, ?Akademie der Künste, ?Hanseatenweg 10, Tiergarten, ?Di–So 11–19 Uhr, 21.9.–3.11.

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