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Barry Kosky inszeniert Rigoletto

Was für ein Kopf! Überlebensgroß, mit einem riesigen Grinsen, ohne Haare, aber mit rosigen Wangen und vielen blitzblanken Zähnen! Lacht dieser Mann, weint er gleich, ist sein Gesicht vor abgrundtiefer Niedertracht verzerrt? Oder vor Schmerzen? Rigoletto, der Hofnarr, trägt diesen Pappmachй-Schädel über einem gewaltigen, festlich glitzernden Reifrock. Mit seinen langen, verzweifelten Schreien beginnt Barrie Koskys Inszenierung von Giuseppe Verdis „Rigoletto“ in der Komischen Oper.
Das Werk findet hier ganz in einer Welt statt, die nichts als Verkleidung und Maskierung ist, harter Zirkus und Manege der Ängste, und in der alle – mehr oder weniger bösartige – Clowns sind. Das grausame Gaukelspiel ist ein Szenario schrecklicher Albträume, mit denen sich Rigoletto quält. Alle Personen schlüpfen demnach als von ihm ersonnene Geschöpfe unter seiner Abendrobe hervor. Dann verteilen sie sich im ansons­ten geschlossenen, an einen surrealen Bunker erinnernden Raum mit gräulich faltigen Wänden (Ausstattung: Alice Babidge).
So sind der sexbesessene Herzog von Mantua und seine Opfer ebenso wie ein Auftragsmörder Kopfgeburten des zwischen Fantasie und Realität kaum unterscheiden könnenden Rigoletto. Wahrscheinlich hat er sich auch seine Tochter Gilda nur ausgedacht, die der Herzog schändet und die am Schluss stirbt. Und Rigoletto? Setzt sich den Pappmachй-Schädel wieder auf und albträumt weiter … Getragen wird dieses durchweg überzeugende Konzept des designierten, ab 2012 amtierenden Intendanten vom hervorragenden Chor der Komischen Oper. In einer Fülle von pittoresken Guignol-Kostümen, als Affen, Nachtmahre oder dämonische Höflingsgesellschaft, sorgen sie für die entsprechende Choreografie des Grauens. Der Dirigent Patrick Lange betont das kirmeshaft Derbe der Komposition, die schroffen Rhythmen und scharfen Schnitte. Trotz einiger sängerischen Einschränkungen ist dieser „Rigoletto“ so ungewöhnlich wie beeindruckend und in seiner konsequenten Deutung und prächtigen optischen Umsetzung ein überaus gelungener Wurf.
Und wer die gesungenen Texte nicht versteht, kann sie jetzt dank der neuen, in die Stühle eingebauten Displays zeitgleich mit­lesen – oder den Minimonitor bei Nichtbedarf einfach abschalten.

Text: Irene Bazinger

(tip-Bewertung: Sehenswert)

Termine: Rigoletto
in der Komischen Oper
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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