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Benedict Wells und sein neuer Roman „Spinner“

Benedict Wellstip Woher kommt Ihr Drang, in jungen Jahren so viel zu schreiben?
Wells Ich schrieb bereits mit acht Jahren ein „A-Team“-Buch, das ich „Gefährliche Erbschaft“ nannte. Nach dem Abitur zog ich nach Berlin und wollte mir zwei Jahre fürs Schreiben geben. Am Ende dieser zwei Jahre hatte ich noch nichts veröffentlicht und war zig Mal abgelehnt worden. Aber ich habe gemerkt, dass ich besser werde. Da dachte ich nur: Ist doch verrückt, wenn ich gerade jetzt aufhöre. Schließlich landete ich in der Re­daktion einer politischen Talkshow. Das war eine Erleichterung. Denn wenn die Leute auch weiterhin dachten „der ist verrückt mit seinem Schriftstellerwunsch“, so zeigte der Job dennoch, dass ich als Mensch in dieser Welt da draußen halbwegs funktionieren kann.

tip In „Spinner“ beschreiben Sie ein eher düsteres Bild von Berlin. Voller Wichtigtuer und Irrer.
Wells Die Irrenquote ist in Berlin höher als in München, das liegt aber vielleicht auch daran, dass die Irren in München besser gekleidet sind, sie fallen also erst auf den zweiten Blick auf. Fantastisch hergerichtete alte Damen etwa, die Unglaubliches vor sich hinmurmeln. In Berlin erkennst du die Irren sofort. Der Clou am „Spinner“ ist ja, dass Jesper am Schluss selbst ein bisschen ein Irrer wird. Und was das düstere Bild angeht: Ich liebe Berlin natürlich, der Song „Schwarz zu Blau“ von Peter Fox ist genial. Er beschreibt die Abgründe, aber eben auch die trotzige Liebe zur Stadt. Doch es gibt so viele dieser „Wir sind so jung, leben im coolen Berlin und hören die Strokes“-Bücher, Popliteratur eben, und das möchte ich nicht. Ich habe in „Spinner“ versucht, auf zeitliche und örtliche Bezüge zu verzichten, keine Bands, keine 8mm-Bar. Man weiß nicht, wann das Buch spielt, in welchem Jahr, ob im Sommer oder Winter. Das Ringen mit sich und den anderen ist eine zeitlose Angelegenheit.

Interview: Ralph Gerstenberg und Sassan Niasseri

Lesung Buchhandlung Herschel, Anklamer Straße 38, Mitte, Do 22.10., 20 Uhr, Eintritt: 6/4 Euro

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Foto: Regines Mosimann/Diogenes Verlag 

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