• Kultur
  • Benedict Wells und sein neuer Roman „Spinner“

Kultur

Benedict Wells und sein neuer Roman „Spinner“

Benedict WellsWas steckt in mir drin, wo sind meine Grenzen? Die Figuren in Benedict Wells Debütroman „Becks letzter Sommer“ und nun auch in „Spinner“ (beide Dio­genes) fürchten die Mittelmäßigkeit. In „Becks letzter Sommer“ erzählte Wells die Geschichte eines Musiklehrers in den Dreißigern, der einen Wunderschüler zum Erfolg führen will, dem aber selbst nur durchschnittliche Kompositionen gelingen; in „Spinner“ geht es um einen jungen Berliner, der an seinem unveröffentlichten Roman ebenso zu scheitern droht wie an der Stadt, die so dynamisch sein will und doch nur energieraubend ist. Benedict Wells, 25, war die literarische Neuentdeckung des vergangenen Jahres und ist der jüngste je bei Diogenes veröffentlichte Autor.

tip Herr Wells, nach dem Abitur erlebten Sie als unveröffentlichter Schriftsteller Armut, aber hielten an Ihrem Traum fest. Das scheint eng mit den Figuren aus ihrem Debüt „Becks letzter Sommer“ und nun auch mit „Spinner“ verknüpft zu sein.
Benedict Wells Das Schreiben im „Spinner“ ist eine Metapher für die Wünsche, die jeder von uns hat. Der eine möchte nach Australien, die andere Musik machen. Man muss leiden für seine Träume, man muss mit ihnen ringen und bluten, und am Ende stehen oft Einsamkeit und drohendes Scheitern. Ein Schriftsteller ist mir natürlich näher als ein Konzertpianist, aber es geht vielmehr um das Loch, in das du als junger Mensch mit Anfang 20 fällst, weil du weißt: Jetzt entscheidet sich dein ganzes späteres Leben, und vielleicht wird alles anders, als du das gewollt hast. Jes­per, die Hauptfigur, kann sich nicht damit abfinden, dass er seine Träume aufgeben soll, auch wenn er es vielleicht muss.

tip Der unterschiedliche Ton in „Becks letzter Sommer“ und in „Spinner“ verwundert, zwei Bücher, die Sie gleichzeitig geschrieben haben. „Becks letzter Sommer“ erscheint wie der Rückblick einer gescheiterten Existenz, „Spinner“ wie die Inneneinsicht eines Spätpubertierenden. Als wäre das erste Buch mit Mitte 30, das zweite mit 18 Jahren geschrieben worden.
Wells Ich möchte ja auch verschiedene Geschichten erzählen, mit verschiedenen Stimmen. „Spinner“ fing ich mit 19 an, „Becks letzter Sommer“ war dagegen als erstes Buch fertig. Bei „Spinner“ wollte ich etwas Wildes, Witziges und Intensives schreiben, was mir mit 20 gefallen hätte.

tip Haben Sie sich in Ihrer eigenen Figur Jesper aus „Spinner“ wie­der­gefunden?
Wells Ein bisschen schon. Als unveröffentlichter Schriftsteller den Leuten zu erklären, dass man an einem Buch arbeitet – das ist schon ziemlicher Mist. Man lernt Menschen kennen, jeder sagt, was er macht, und irgendwann kam dann eben unweigerlich der Moment, wo ich mit der Wahrheit rausrücken musste: Ich schreibe. Dann immer sofort die Gegenfrage: Kann man schon was lesen, gibt es schon ein Buch? Dann immer die Antwort: Äh, nein, noch nicht. Peinliches Schweigen, alle schauen weg, schnell nächstes Thema. Und als sich damals Freunde in meiner Bruchbude umblickten, die Zustände dort sahen, hieß es auch schon mal: Sag mal, hast du noch eine Zweitwohnung? Ich habe mir damals geschworen, dass ich die Wohnung unbedingt ins Buch einbaue.

1 | 2 | weiter

Foto: Cora Mae Gregorschewski

Mehr über Cookies erfahren