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Romanadaption

Benjamin von Stuckrad-Barres „Panikherz“ am Berliner Ensemble

Das Koks der frühen Jahre: Benjamin von Stuckrad-Barres „Panikherz“ als Jungmänner-Egotrip überrascht positiv

Foto: Julian Röder

Das evangelische Pfarrhaus war immer eine zuverlässige Brutstätte für deutsche Dichter, von Lessing und Jakob Michael Reinhold Lenz bis zu Gottfried Benn. In diese ehrwürdige Tradition reiht sich der Pfarrerssohn Benjamin von Stuckrad-Barre spätestens mit seinem autobiografischem Bekenntnis­roman „Panikherz“ ein. Die Abrechnung mit dem glamourfreien Elternhaus, die Achterbahnfahrtberichte über Pop-Journalisten-Karriere, Koks-Absturz und Bulimie-Brechorgien sind in der Selbsterforschungsgeste ihrerseits schwer protestantisch gefärbt. Dass ausgerechnet ein Zombie wie Udo Lindenberg, wenn nicht zur Erlöserfigur, dann zumindest zum guten Hirten und Buddy-Seelsorger stilisiert, seine kitsch­satten Auftritte hat, ist von eher gruseliger Komik.

Man geht etwas beklommen ins Berliner Ensemble, wo Hausherr Oliver Reese, dem Berlin-Lebensgefühl immer dicht auf den Fersen, den vor zwei Jahren erschienenen Roman der theatralischen Verwertung zuführt. Das kann als gezielte Ranschmeißerei an die feierfreudige Jugend schnell peinlich werden. Und will man wirklich zwei Stunden den Jungmänner-Egoshooter-Problemen ­eines überdrehten Unterhaltungsgewerbe-Karrieristen zusehen und dabei auch noch von Lindenberg-Schlagern gefoltert werden?

Große Überraschung: Der peinlichkeitsfreie Abend hat Kraft, Tempo und die richtige ­Ladung Weh- wie Übermut, bekanntlich zwei riskante Emotions-Substanzen, deren Überdosis für jeden Theaterabend letale Folgen haben kann. Reese findet mit dem auf vier gut aufgelegte (oder, je nach Zustand des Protagonisten: gut schlecht aufgelegte) Stuckrad-Darsteller (Nico Holonics, Bettina Hoppe, Laurence Rupp, Carina Zichner) verteilten Text eine überzeugende szenische Form: Gerne im umstandslosen Frontalangriffsmodus, bei dem auch die Absturz-Klinik-Elendsphasen eher unsentimental abgehakt und nicht emotionspornografisch ausgeschlachtet werden. Gerade dieser schnörkellose „Und-dann-kam-das“-Stil, weil halt erzählt werden muss, wie es nach dem soundsovielten Entzug mit dem nächsten Dealer weiterging, lässt paradoxerweise einen feinsinnigen, dann doch wieder lebensklugen und erstaunlich unabgefuckten Stuckrad-Barre sichtbar werden, also etwa das Gegenteil der aus Talkshow, Paris Bar und Springer-Presse bekannten Witzfigur.

Wenn das kein Beweis dafür ist, dass das Theater Seelen vorm verdienten Fegefeuer retten kann. Dazu sorgt eine druckvolle Band (Musikalische Leitung: Jörg Gollasch) dafür, dass sogar die Udo-Adaptionen fast erträglich werden, auch wenn man schon sehr aufatmet, als sich der Soundtrack dann gnädigerweise zur Abwechslung bei Nirvana und Rammstein bedient.

Adresse + Termine: Berliner Ensemble Karten 11– 35 €

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