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„Berlin Alexanderplatz“ an der Schaubühne

Berlin AlexanderplatzEinmal schleppen die ehemaligen Strafgefangenen in Panzerknackerkostümen Geldsäcke mit Deutsche-Bank-Logo auf die Büh­ne, hocken sich drauf und erzäh­len im Chor von einem echten Bankraub mit ziemlich munterem Verlauf. Eine Szene, in der sich Bert Brecht und Carl Barks „Gute Nacht“ sagen, die cha­rak­te­ris­tisch ist für Volker Löschs Inszenierung von Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ mit vier Schaubühnen-Schau­spie­lern und 21 knast­erprobten Laien. Bild- und stimmgewaltige Momente gibt es auf der mit Kleingeld überschütteten Bühne, die vom biblischen Schriftzug „Du sollst nicht stehlen“ überstrahlt wird, immer wie­der. Bloß die Aussagekraft fällt öfter mal ab. Am schwächsten ist der zweistündige Abend immer dann, wenn Döblin-Passagen gespielt werden. Neben dem Knacki-Chor gibt Sebastian Nakajew den frisch haftentlassenen und bald wieder strauchelnden Proleten Franz Biberkopf im rasenden Leerlauf. Eva Meck­bach, David Ruland und Felix Römer teilen sich die wechselnden Rollen drumherum, sind aber meist nur in unverbundene Szenen aus Geschrei, Geschubse und Gevögel verwickelt.
Warum überhaupt Döblin? Jeder der Laien mit krimineller Verfangenheit hätte genug zu erzählen. Die Einzelschick­sale aber, die Lösch in Interviews abgefragt und passagen­weise in seine Textfassung collagiert hat, gehen im dezibelstarken Deklamationskollektiv unter. Zu Recht wird hier eine Farce namens Resozialisierung thematisiert –, die aber nicht möglich ist ohne den Blick auf den Menschen und seine Tat. Zu nichts führt es, die Ex-Sträflinge mit didaktischer Geste ins Publikum zu platzieren, wo sie peinlich berührten Zuschauern die Hand schütteln. Die Ausgestoßenen sind unter uns! Nur näher kommen sie einem nicht.

Text: Patrick Wildermann

Foto: Heiko Schäfer 

tip-Bewertung: Zwiespältig

Berlin Alexanderplatz, Schaubühne, Fr 1.1.10, 20 Uhr

Tickets www.tip-berlin.de/tickets

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