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Berlin braucht die Zuwanderer

Klemens Maget

Berlin wächst, seit 2010 um 40?000 bis 50?000 Menschen pro Jahr. Das sind die Zuschauer eines durchschnittlichen Hertha-Spiels oder die Bevölkerung des Ortsteils Weißensee. Pro Jahr. Bis 2030 lässt der Ansturm etwas nach, dann soll es 250?000 Neu- Berliner geben. Das hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt 2011 in einer Bevölkerungsprognose berechnet.
250?000 Menschen mehr, das ist einmal Mönchengladbach. Aber wo sollen diese Menschen alle herkommen? Gebären werden wir sie nicht. Zwar kriegen Berlinerinnen wieder mehr Kinder, dennoch soll es bis 2030 einen Sterbeüberschuss von 21?000 Menschen geben. Sterbeüberschuss, so schrecklich klingt nüchterne Fachsprache. Es bedeutet schlicht, dass mehr Menschen sterben als geboren werden.
Woher also? „Zuwanderung“, sagt der Wissenschaftler Klemens Maget vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. „Zuwanderung“ ergibt die Prognose der Senatsverwaltung. Buntes Berlin, in den Clubs wird noch mehr englisch und spanisch gesprochen, denn 129?000 der Neulinge kommen aus dem Ausland: Spanien, Italien, Griechenland, Rumänien. 53?000 aus Ostdeutschland und 194?000 aus Westdeutschland: Nordrhein-Westfalen, Bayern. Und es sind die 18- bis 35-Jährigen, die von Berlin wie magisch angezogen werden.
Noch kann man hier anständig leben, lernen und arbeiten, dazu feiern und eine Familie gründen. Nur zur Erinnerung: In Griechenland oder Spanien ist immer noch jeder zweite junge Erwachsene arbeitslos und wohnt bei den Eltern.
Aber muss Berlin unbedingt größer werden? „Ja, wegen der Demografie“, sagt Klemens Maget. Deutschland wird älter, Berlin ebenso. Die jungen Zuwanderer und ihre Kinder können den Effekt zwar bremsen, dennoch soll es in 15 Jahren 268?000 über 80-Jährige geben. Das wäre einmal komplett der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Rollatoren statt Hipster-Rennräder, im Görli Kreuzworträtsel-Challenges statt Dealen im Görli, Butterfahrten statt Schlauchboote auf dem Landwehrkanal.  
Pankow ist der Bezirk, der bis 2030 mit 16,3 Prozent am meisten gewachsen sein wird. Schon heute sind es 5?000 bis 6?000 Menschen im Jahr.“Was wir hier erleben, steht Berlin noch bevor“, sagt Jens-Holger Kirchner, Pankower Stadtrat und Leiter der Stadtentwicklung. Und: „Es ist fast schon zu viel, wir kommen kaum nach.“ Dann zählt er auf: „Theoretisch braucht Pankow schon jetzt jedes Jahr eine neue Grundschule, dazu der zusätzliche Verkehr, neue Straßenbahnen und S-Bahnen, mehr Personal in den Verwaltungen. Noch geht alles, aber nicht mehr lange, wir müssen umdenken.“
Okay. Message angekommen. Mehr Leute heißt auch mehr von allem, nicht nur mehr Wohnungen. Rechnet man mit den Zahlen der Einwohnerregisterstatistik, wird Berlin dann 3,756 Millionen Einwohner haben. Aber wie gesagt, es ist eine Prognose, in 15 Jahren kann viel passieren. Spanien kann es wieder besser gehen, Berlin zu wenige Arbeitsplätze bieten, Brandenburg doch noch „the next shit“ werden, sodass alle zu den Kühen ziehen wollen. Die aktuelle Flüchtlingsnot nimmt noch zu oder wieder ab. Die obere Prognose kommt sogar auf 500?000 mehr Menschen. Vieles ist denkbar, manches wahrscheinlich.
Zukunftsprognosen sind eine schwierige Sache. Manche erinnern sich vielleicht, bis 2000 ist Berlin massiv geschrumpft, Schulen mussten geschlossen werden, Wohnungen gab es zu traumhaft niedrigen Mieten.
Heute ist es genau andersrum.  

Text: Karl Grünberg

Foto:
David von Becker

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