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Kommentar

„Berlin/Chemnitz“ von Julia Lorenz

Doch, das hat sich gut angefühlt. ­Während sich in Chemnitz die rechte Gewalt Bahn bricht, zogen in Neukölln rund 5.000 Menschen durch die Straßen, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Sich in Zeiten wie diesen von rechten Brandstiftern zu distanzieren, ist Pflicht – auch aus der Ferne

Demonstranten auf der von Pro Chemnitz angemeldeten Demonstration am 27.08.2018 in Chemnitz mit Flaggen und Transparent. Foto: Lord van Tasm – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Wikimedia

Zunehmend wütend macht mich aber die Herablassung, die ich in meinem Berliner Umfeld registriere: Da wird mal wieder der „Säxit“ gefordert, da jagt ein schmunzeliger Sachsen-Post auf Facebook den nächsten.

Nein, hier soll kein Mitleid mit den „Abgehängten“ des Landes erbeten werden. Wenn Neonazis Menschen, die sie für Ausländer halten, wie Freiwild durch die Straßen jagen, erlischt all mein Verständnis für Wende-Traumata. Doch im Gelächter über Sachsen entlädt sich nicht nur Wut über rechte Gewalt – sondern auch Ressentiment gegenüber den Ober-Ossis im ostigsten aller Ostbundesländer, die man von Berlin aus eh immer ein bisserl missbilligt hat. Teils zu Unrecht, teils zu Recht, etwa für den glühenden Stolz auf den „Freistaat“, dessen Kulturreichtum es gegen alles Fremde zu verteidigen gilt.

Das Schlimme ist: Ich, geboren und aufgewachsen in Sachsen, verstehe diesen Distinktionsreflex. Und klar: Zu analysieren, warum die Rechten ­gerade in Sachsen so enthemmt wüten – und nicht etwa in Sachsen-Anhalt, wo die AfD mit 24 Prozent im Landesparlament sitzt –, ist unerlässlich. Wer von Berlin aus aber schlicht sein Gewissen entlasten will, indem er sich über Sachsen mit Deutschlandhüten schlapplacht, werkelt an einer gefährlichen „Wir gegen die“-Konstruktion mit. Und lässt damit unter den Tisch fallen, dass der Rest Deutschlands auch kein antifaschistisches Wunderland ist.

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