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Fotografie

„Berlin in der Revolution 1918/19“ im Museum für Fotografie

Hoch die Tassen, hoch die Republik! und daneben liegen die Toten: Das Museum für Fotografie zeigt die Gleichzeitigkeit von Politik und Party im Revolutionswinter

Willy Römer Einzug der Jäger-Division, Vorbeimarsch der Garde-Jäger vor General Arnold Lequis, links der Pressefotograf Walter Gircke mit seiner Kamera, 10./11.12.1918 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek – Photothek Willy Römer / Willy Römer

Es war natürlich Harry Graf Kessler, der angesichts der Weihnachtseinkäufer auf der Friedrichstraße ein „und daneben liegen im Marstall die Toten“ in sein Tagebuch seufzte. Damit hatte der Kosmopolit unter den Zeitgenossen wie so oft recht: die Kämpfe um den Marstall am 24. Dezember 1918, zwischen Friedrich-Ebert-Sozialisten und Volksmarine-Soldaten, waren nur ein weiterer Beweis, dass alles gleichzeitig in der gleichen Stadt passierte. Nach und vor den Kämpfen wurde weitergearbeitet und weitergefeiert. Die Ausstellung zum Revolutionswinter 1918/19 im Museum für Fotografie ist daher zweigeteilt.

Einmal sieht man, gewohnt präzise kuratiert von Enno Kaufhold und Ludger Derenthal, Pressebilder und andere zeitgenössische Aufnahmen der Kampfhandlungen. Beziehungsweise, der damaligen Technik geschuldet, eher des sich dafür in Stellung Bringens. Beeindruckende Zeugnisse sind es trotzdem: Menschen hinter Maschinengewehren, vor Barrikaden oder bewaffnet auf großen Demonstrationszügen. Und das an Orten. die jeder kennt, Unter den Linden, Lustgarten oder Leipziger Straße.

Und es gibt echte Entdeckungen zu machen: Willy Römers Bilder des „Kellnerstreiks“ vom 1. Januar 1919 zum Beispiel. Feste Bezahlung wurde dort gefordert, Stichwort „Nieder mit den Trinkgeldern“. Generell stammen die meisten gezeigten Aufnahmen aus dem Archiv Römers, der an die Protagonisten so nah rankam wie wenige andere. Ausstellungsbesucher können mittels bereithängender Lupen dem Geschehen ähnlich nahekommen – und dann angesichts der jetzt gut erkennbaren, und erkennbar gut angezogenen, Demonstrationsteilnehmer die These vom alleinigen Ursprung dieser Revolution in der Arbeiter- und Soldatenbewegung ein wenig hinterfragen.

Der zweite Part der Ausstellung, der Unterhaltungsteil, in dem Kellner nicht streiken, sondern servieren, erfordert auch gleich am Anfang eine Lupe. Damit lässt sich das Foto einer Berliner Litfaßsäule genauer betrachten: Da wird einerseits vor selbstvergessenem Vergnügen gewarnt („Berlin, halt ein … dein Tanzpartner heißt Tod“) und andererseits ganz unverhohlen fürs Amüsemang im Palast-Theater und Amor-Saal geworben. Mitkuratorin und Sängerin Evelin Förster ist es gelungen, zu diesen Veranstaltungen gehörige Eintrittskarten, Titelblätter oder Anzeigen zu finden. Und die Litfaßsäule ist auch gleichzeitig die Klammer, die die beiden Ausstellungsteile zusammenhält: Party und Politik 1918/19 nebeneinander auf engstem Raum. Der Beweis, dass es Tote gab auf den Straßen und gleichzeitig Operetten mit dem Titel „Hallo Du süße Klingelfee“ ausverkauft waren.

Wobei in der Ausstellung nicht verschwiegen wird, dass zum Beispiel der bedrückte Kurt Tucholsky für die Vergnügungssucht des „Plebs“ in diesen Zeiten keinerlei Verständnis hatte. Aber in der leichten Muse fanden wohl viele einfach Trost. Evelin Förster hat dazu die berührende Geschichte von zwei Soldaten gefunden, beide Armamputiert, die in der Vorstellung der „Schönheitstänzerin“ Erna Offeney begeistert klatschten – jeweils mit der unversehrten Hand des anderen.

Berlin in der Revolution 1918/19. Fotografie, Film, Unterhaltungskultur Museum für Fotografie, Jebensstr. 2, Charlottenburg, Di–So 11–19, Do bis 20 Uhr, bis 3.3.2019

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