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Berlin-Wahl 2016: Zehn Irrtümer

So weit, so Wahlkampf: Noch knapp eine Woche bis zum Urnengang am 18. September. Es ist eng wie lange nicht mehr. Und verwirrend wie noch nie. Zehn Irrtümer des Wahlkampfs – unsere ganz subjektive Liste

 Wahlplakate 2016
Erik Heier

In den Umfragen liegt die SPD bei 21 bis 24 Prozent, CDU und Grüne kurz dahinter, dann Linkspartei und AfD. Der Regierende Bürgermeister will Rot-Grün, die Grünen auch. Nur irrt Michael Müller, wenn er meint, die Grünen würden diesmal die A100 weiter bauen, an der 2011 Rot-Grün scheiterte. Und wer hätte gedacht, dass laut campaigningandstrategy.de auf der CDU-Berlin-Internetseite das meistgebrauchte themenbezogene Suchwort „CDU Cannabis“ ist? Eine subjektive Top-Ten der Irrtümer des Wahlkampf:

1. Wahlkampf heißt: wochenlange Entscheidungsblockade in der Koalition.
Von wegen. Den Vogel schießt Frank Henkel ab. Der CDU-Spitzenkandidat sprüht vor Ideen, als wäre er erst letzten Monat Innensenator geworden: Burka verbieten, Doppelpass ab-, Elektrotaser für Polizisten anschaffen. Da fragt sich sogar die Polizeigewerkschaft GdP verblüfft, ob man in den restlichen Wahlkampftagen „auch noch einen funktionierenden Digitalfunk, Body-Cams, ballistische Helme, neue Schutzwesten und moderne Schusswaffen“ bekäme. Am Ende baut der Henkel in den letzten Tagen sogar noch den Flughafen in Schönefeld fertig. Obwohl …

2. Das BER-Chaos regt die Berliner auf.
Nö. Meint jedenfalls der Regierende. Auf die Frage, wieso die SPD nicht einfach auf die Plakate „Wir bauen den BER fertig“, schreibt,  erwiderte Müller: Erstens tue man das ja (wann auch immer – Anm. d. Autors) und zweitens spiele der BER für die Bürger nicht mehr die große Rolle wie noch vor zwei, drei Jahren. Wieder was gelernt.

3. Mit der Künast-Bürgermeisterkandidatur waren die Grünen 2011 mutiger.
Nicht ausgeschlossen, dass am Ende sogar die Grünen ganz vorn liegen. Für den Bürgermeisterjob stände dann ein Spitzenkandidaten-Quartett zur Auswahl. Neulich, bei der Vorstellung des Wahlplakates „Mehr Mut zur Freiheit“ am Tempelhofer Feld, fragt der tip, warum die Grünen nicht, wie 2011, den Mut gehabt hätten, eine Bürgermeisterkandidatin zu küren (Renate Künast). Nein, sagt Antje Kapek, eine aus dem Quartett. Jetzt hätten sie ja sogar vier davon. Das wäre noch mutiger.

4. Die FDP ist richtig cool geworden.
Donnerwetter, diese Berliner Freidemokraten. Erst fünf Jahre kaum als Spurenlement wahrnehmbar, jetzt ein Kracher-Plakat nach dem anderen: vom kantigen Superhelden-Comic-Look bis zur Druffi-Anbiederung am Berghain („Chemieunterricht darf nicht erst nach 24 Uhr stattfinden“). Aber trotzdem, nüchtern betrachtet: Es bleibt eben immer noch die FDP.

5. Michael Müller ist jetzt Dragqueen.
Neulich, bei der Mittagspause in der Ankerklause, Kreuzberg. Ein Kollege (Name ist dem Autor bekannt), verblüfft: „Finde ich echt cool, dass sich Michael Müller als Transvestit auf einem SPD-Wahlkampfplakat zeigt.“ – „Was? Müller? Wo?“ – „Kurz vor dem Kottbusser Tor.“ Hektische Nachrecherche. Da ist das Ding. „Berlin bleibt frei. Müller, Berlin. SPD“.  Auf dem Foto: Dragqueen Nina Queer.

6. CDU: Vorsprung durch Videotechnik.
„Mehr Videotechnik – nur mit uns.“ So plakatiert ausgerechnet jene Partei, die ihr Wahlprogramm in ein knapp 34-minütiges Video übersetzte, daraus mithilfe eines gewissen Tobias de Borg den Deppenschlagertechno „Zeit für ein starkes Berlin“ als Single auskoppelte und dabei Bilder verwendete, die sie ohne Genehmigung im Klunkerkranich gedreht hatten. Das Schlimmste für die Bar-Macher: Sie mussten sich nach der Gesangsfolter auch noch die gesamte halbe CDU-Flimmerstunde reintun, weil sie dort weitere Schwarzaufnahmen vermuteten. Zu Recht übrigens.

7. Mit den Beatles geht nichts schief.
Die grünen Spitzenkandidaten Daniel Wesener, Bettina Jarasch, Ramona Pop und Antje Kapek ließen sich hintereinander gehend auf einem Zebrastreifen ablichten. Wie die Beatles auf dem „Abbey Road“-Cover. Wissen sie bei den Grünen eigentlich, dass sich die vier Beatles nach den Aufnahmen getrennt haben?

8. Die Altvorderen haben immer Recht.
Man kennt das Phänomen von Schmidt,  Geißler, sogar Diepgen: Alt-Politiker haben den  Altersweisheitsbonus.  Schön, dass Peter Randunski von anderem Schrot und Korn ist. Der Ex-Senator und CDU-Wahlkampfmanager verstörte seine Partei mit dem Rat, irgendwann gemeinsam mit der AfD zu regieren. Kann ja sein, dass er dabei an die Hamburger CDU dachte, die dereinst die Schill-Partei niederkoalierte, bis sich Ronald Schill nur noch im „Big Brother“-Container sehen lassen konnte (und demnächst nackt bei RTLs „Adam sucht Eva“). Aber so viel Weitsicht trauen wir dem Radunski dann doch nicht zu.

9. Die Piraten sind erledigt.
Lauer weg, Delius weg, Höfinghoff weg. Bei den Piraten gilt seit langem: „Alle Mann von Bord“. Vielleicht waren die Nachrufe doch verfrüht. Eine neue Umfrage führte sie laut Co-Fraktionschef Alexander Spies bei vier Prozent.

10. Alle Politiker sind faul und falsch.
Nein, sind sie nicht. Nicht alle. Nicht mal die Mehrheit. Es ist ja nicht nur die AfD, die den Hass auf Politiker schürt. Das tiefe Misstrauen geht durch alle Schichten, durch alle sozialen Netzwerke, es kommt von rechts wie von links. Misstrauen ist ganz wichtig. Aber ein pauschales „Wir glauben euch sowieso nichts“ ist die Pest. Für diese Leute treffen Politiker nicht einfach eine falsche Entscheidung, sondern sie sind korrupt, dumm, verlogen. Man hört es auch von Bekannten, die man früher für noch ganz bei Trost hielt. Trotzdem. Jetzt knüppeln viele Politiker im Wahlkampf bis spät in die Nacht durch. Termin auf Termin. Alles dabei. Diskussionen, Wutbürgertiraden, Hatemails. Oder einer fackelt einem den Bus ab. Wer sich sowas antut, hat verdammt nochmal wenigstens eines verdient: Respekt.

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