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Berliner Flüchtlingshelfer

Berliner Flüchtlingshelfer

Olaf Tiedtke hatte sich über den Sommer Urlaub genommen. Eigentlich arbeitet der 43-Jährige im Jobcenter, aber im August wollte er frei haben, Zeit mit seiner Familie verbringen. Doch dann bekam er an einem späten Abend eine Facebook-Nachricht, die seine Pläne schlagartig änderte. Es war der 8. August.
An diesem Samstagabend postete der Ortsverband Müggelspree des Deutschen Roten Kreuzes, das ehemalige Telekom-Bürogebäude in der Köpenicker Straße solle über Nacht zum Flüchtlingsheim verwandelt werden. Dringend würden Helfer gesucht, die Betten ausladen und aufbauen, Hinweisschilder anbringen, einen Check-In einrichten.
Wie Ferien fühlt sich der Urlaub für Olaf Tiedtke seitdem nicht mehr an. Fast jeden Tag ist er in der Flüchtlingsunterkunft vor Ort. Zwischendurch hat er für ein Wochenende sogar mal eine fünfköpfige syrische Familie bei sich aufgenommen, weil die Schlafplätze knapp wurden.
Und dabei ist die kurzfristige Einrichtung der Flüchtlingsunterkunft Karlshorst sogar ein Fortschritt gegenüber den Zuständen, die sich Tage und Wochen vorher vor dem LaGeSo, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Moabit, abgespielt haben. Hier müssen sich alle Flüchtlinge erstregistrieren, um einen Antrag auf Asyl stellen zu können. Weil niemand auf den großen Flüchtlingsansturm vorbereitet war, harrten hunderte Flüchtlinge bei sengender Sommersonne und Temperaturen jenseits der 35 Grad im Park vor dem Amt aus. Viele von ihnen schliefen nachts unter freiem Himmel, um morgens als erstes eine Wartenummer ziehen zu können. Ehrenamtliche Helfer schleppten Wasser und Lebensmittel herbei.
Erst nach lautem Protest von Medien und Hilfsorganisationen wurde das Telekom-Bürogebäude zur Notunterkunft deklariert. Wiederum waren es Ehrenamtliche, die die kurzfristige Eröffnung möglich gemacht haben.
Wie Olaf Tiedtke ist auch Frances Walther seit der ersten Stunde mit dabei. Die 35-Jährige hat eigentlich einen Job als pädagogische Mitarbeiterin. Aber das, was sie in diesen Tagen hier ehrenamtlich leistet, fühlt sich mittlerweile an wie ein Zweitjob. Ihr Revier ist die Kleiderkammer, eine Institution, die in einer Notunterkunft eigentlich gar nicht vorgesehen ist und komplett von Ehrenamtlichen aus dem Boden gestampft wurde. Dort nimmt sie Kleiderspenden entgegen, kontrolliert die Ausgabe und sortiert die Waren. „Schon als ich im Fernsehen die Bilder vor dem LaGeSo gesehen hatte, dachte ich mir: Da muss man doch was machen“, sagt Walther.
Glücklicherweise verfügt das Rote Kreuz vor Ort über gut ausgebaute Kommunikationsstrukturen. Über Emailverteiler, Telefonkette und Facebook konnten gemeinsam mit den Initiativen „Lichtenberg hilft“ und „Karlshorst hilft“ über 100 Ehrenamtliche gefunden werden, die seitdem in ihrer Freizeit mit anpacken. „Am Anfang hat jeder von uns alles gemacht“, sagt Walther. „Es musste ja ganz schnell gehen.“ Und Olaf Tiedtke erinnert sich an die erste Nachtschicht: „Die Betten wurden aus Dresden angeliefert und kamen erst spät am Abend, wir haben die halbe Nacht geschraubt und gehämmert.“ Mit den 200 Schlafplätzen war es lange nicht getan. Über den August wuchs die Zahl der Bewohner an, auf 400, 600, 800.
Mittlerweile leben über 1.000 Männer, Frauen und Kinder in dem ehemaligen Bürogebäude der Deutschen Telekom. Dabei herrscht unter den Bewohnern ein ständiges Kommen und Gehen. Sind Flüchtlinge erst einmal registriert, können sie quasi sofort nach dem sogenannten Königsteiner Verteilungsschlüssel in ein anderes Bundesland weitergeschickt werden. Dann müssen sie aus der Unterkunft ausziehen, und das Bett wird für den nächsten Neuankömmling geräumt. „Das ist ein Hochfrequenzbetrieb“,  sagt Lars Lemberg, Vizepräsident im DRK-Kreisverband, „wahrscheinlich ebenso anspruchsvoll wie die Leitung eines Hotelkomplexes.“

Berliner Flüchtlingshelfer

Im Check-in führen Helfer detaillierte Belegungslisten. Noch viel wichtiger aber ist vielleicht: Sie sprechen mit den Flüchtlingen, versuchen, die Amtsprache der LaGeSo zu übersetzen, klarzumachen, was sie als nächstes erwartet.
Organisiert wird die ehrenamtliche Arbeit über ein Wiki, über zwei Facebook-Gruppen und Twitter verbreiten die Helfer kurzfristig Nachrichten. Ein Kai postet hier regelmäßig Tages-Updates, eine Dagmar regt an, lokale Hersteller von Speiseeis um Spenden zu bitten – das habe grade in Schöneberg sehr gut funktioniert. Vieles im Camp passiert auch per Zuruf. „Ich brauche hier mal ‘nen Dolmetscher, der Russisch spricht“, ruft gerade eine Frau im rot-weißen DRK-Outfit. Ein Security-Mitarbeiter fühlt sich angesprochen.“Ich kenne eine Helferin aus der Kleiderkammer, ich hol die mal her.“ Die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer wohnen größtenteils in der Nachbarschaft und sind Basis und Seele der Flüchtlingsbetreuung zugleich.
Wo das Rote Kreuz sich vor allem auf die Grundversorgung konzentrieren muss, sorgen die Freiwilligen für alles Drumherum. Im Wiki finden sich Gruppen, die Sprachkurse anbieten, außerdem Exkursionen zum naheliegenden Tierpark und eine Fahrradwerkstatt. Mit einer neu geschaffenen hauptamtlichen Stelle versucht das Rote Kreuz, die vielen Aktivitäten zu koordinieren.
Fragt man DRK-Mann Lemberg nach seiner Meinung über das LaGeSo, erzählt er gerne Anekdoten. Von mobilen Registrier-Teams etwa, die neuerdings nach Karlshorst kommen, um die Personalien von Flüchtlingen vor Ort aufzunehmen. „Die LaGeSo-Leute füllen hier mit der Hand Formulare aus, die sie später in ihrem Moabiter Büro erneut händisch in einen Computer eintippen müssen. Ich weiß wirklich nicht, ob das eine Entlastung für die Behörde ist.“ Lemberg gibt dem LaGeSo aber keine Schuld. „Die haben ja selber zu wenig Personal. Jedes mobile Registrier-Team das hier auftaucht, fehlt drüben in der Turmstraße – und dort wird der Andrang ja auch nicht weniger.“
Lemberg glaubt, die Verantwortung liege bei der Politik. „Irgendjemand muss da mal Prioritäten und Gelder neu verteilen.“ Im Helfer-Kreis ist man einerseits frustiert. „Das kann doch nicht sein, dass es im LaGeSo heißt: Wir haben die Lage im Griff. Ohne uns hätte man hier gar nichts im Griff!“, echauffiert sich Frances Walther. Gleichzeitig spornt es die Frauen und Männer an. Trotzig sagt Olaf Tiedtke: „Wenn das Amt und die Politik es nicht hinkriegen, dann müssen wir das eben wuppen. Man kann die Flüchtlinge doch nicht im Stich lassen.“
Der nahende Winter dürfte ein neues Problem werden, meint Tiedtke. Was tun, wenn die Flüchtlinge sich tagsüber nicht mehr draußen im Freien aufhalten können? Gemeinschaftsräume gibt es in der Notunterkunft nicht, jeder Quadratmeter wird für Betten gebraucht. Mehr Normalität könnte einkehren, wenn die Notunterkunft zum regulären Flüchtlingsheim umgewandelt wird, von der Not- zur Übergangslösung.
In den nächsten Wochen soll es eine Ausschreibung für das ehemalige Telekom-Bürogebäude geben. Darauf können sich Unternehmen und Organisationen bewerben, die die Unterkunft langfristig betreiben wollen. Dauert aber alles noch eine Weile.

Text: Michael Metzger

Fotos: Benjamin Pritzkuleit

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