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Sozialkritisch

Berliner Realismus im Bröhan-Museum

Das Bröhan-Museum beleuchtet den schonungslosen Berliner Realismus von Käthe Kollwitz bis Otto Dix

Michael Setzpfandt / Bruno Böttger / Stiftung Stadtmuseum Berlin

Wenn wir heute in der Altbauwohnung bequem auf dem Sofa liegen, könnten wir sie uns nicht mehr vorstellen: die von Armut und Arbeitslosigkeit geprägte Realität – speziell der Arbeiter – in Berlin zu der Zeit, als diese Wohnung neu gebaut waren. Unvorstellbar war die Not der „Kleinen Leute“ oder die „Kinderhölle in Berlin“, welche der Bonvivant Harry Graf Kessler nach dem Ersten Weltkrieg und der Revolution 1918/19 beschrieb. Ziemlich überraschend, was der Aristokrat da publiziert hat.

Wer meint, den „Berliner Realismus. Von Käthe Kollwitz bis Otto Dix“ bereits zu kennen, dem bringt das Bröhan-Museum noch manch unbekanntes Bild-Dokument in Erinnerung. Direktor Tobias Hoffmann und seine Co-Kuratorin Anna Grosskopf präsentieren teils schwer verdauliche Kost auf erhellende Weise, dem bitteren Zeitgeist von einst auf den Fersen.

Wie tickte die Hauptstadt vor 100 Jahren? Was ins Auge fällt, sind die prekären Wohnverhältnisse, nicht Glanz und Gloria. Die Bilder von sozialkritischen Künstlern wie Hans Baluschek, Käthe Kollwitz oder Heinrich Zille lenken den Blick auf die Aussichtlosigkeit. Der Einstieg in die Schau auf schwarzen Wänden ist so düster wie der Alltag.

Werke von Baluschek zeigen den „Eisenbahner-Feierabend“ (1895), später „Obdachlose“. „Er war einer der ersten, der sich explizit dem Proletariat widmete und das auch für bildwürdig erklärte“, bemerkt die Kuratorin Anna Grosskopf. „So früh haben wir das nur in Berlin“. Die Kunst nicht als Erbauung, sondern, um aufzurütteln, zu verändern, den Finger mitten in der Wunde.

Für Kaiser Wilhelm II. war das „Rinnsteinkunst“. Sie sollte erheben, statt „in den Rinnstein niedersteigen“, formulierte er 1901. Die Berliner Secessionisten waren ihm ein Dorn im Auge. Rau, ruppig und politisch unbequem war die Berliner Kunst aber auch noch, als diese Gruppierung auseinander ging. Hunger, Gewalt, Suizid und Prostitution sind ihre wiederkehrenden Themen.

Diese spezifisch berlinische Tradition des Realismus setzte sich in der Weimarer Republik fort. Rudolf Schlichter zeigt „Verwahrloste Jugend“, Bruno Böttger den politischen „Aufruhr“, George Grosz ätzende Gesellschaftskritik in „Ecce Homo“. „Das Elend wird jetzt nicht nur dargestellt wie noch zur Kaiserzeit, es wird auch nach Schuldigen gesucht“, so Anna Grosskopf.

Knapp 200 Gemälde, Grafiken und Fotos belegen die grausame Wirklichkeit von 1890 bis in die 1930er Jahre. Gegen Ende dieser Zeit, in der John Heartfield oder Arthur von Kampf für den Kommunismus werben und Käthe Kollwitz für den ermordeten Marxisten und Antimilitaristen Karl Liebknecht ein „Gedenkblatt“ fertigt, malt Otto Nagel auch seine blassen „Weddinger Jungen“ (1928).

Die Situation erscheint anhaltend prekär. Die zweite Generation der Berliner Realisten, zu der neben Nagel auch Grosz und Dix gehörten, thematisiert die gesellschaftlichen Missstände kritischer und individuelle Not brutaler denn je. Mit spitzer Feder und in neuen Techniken wie der Collage oder Fotomontage richtet sich die Anklage gegen Kapitalismus, Krieg und Ungleichheit.

Auch zwei Filme haben die Kuratoren in den gehaltvollen Parcours zwischen „Rinnsteinkunst“ und „Gesellschaft am Abgrund“ eingebaut: „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ und „Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?“ Ersterer entstand 1929 im Wedding nach einer Idee von Zille und schildert die verzweifelte Lage einer Mutter, die den Gashahn aufdreht.

Der zweite Film, zu dem Hanns Eisler die Musik komponierte und Bert Brecht am Drehbuch mitschrieb, beleuchtet die Berliner Wohnverhältnisse der Arbeiter. Auf der Heimfahrt mit der S-Bahn streiten sie sich über die Situation in der Weltwirtschaftskrise. Die Wohlhabenden würden die Welt sowieso nicht verändern. Wer dann? Antwort: „Die, denen sie nicht gefällt.“

Bröhan-Museum Schlossstraße 1a, Charlottenburg, Di–So 10–18 Uhr, bis 17.6.

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