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Berlins Klassikszene im Aufbruch

Kaleidoskop

Teenies kreischen, Erwachsene mokieren sich. Seine Konzerte sind sofort ausverkauft, seine Souvenirartikel gehen bestens. Entert er die Bühne in grellen Kostümen, kommt es zu Krawallen. Reihenweise werden Frauen schwach, er hat uneheliche Kinder und lebt in wilder Ehe mit Hochadeligen. Seine musikalische Hinterlassenschaft ist populär und in Vielem ihrer Zeit voraus. Er fördert diverse Künstlerkollegen, am stärksten den eigenen Schwiegersohn. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms beendet er seine Konzerttätigkeit und wird zum Mystiker.
Was sich liest wie die Biografie einer Popgröße von heute, ist die eines der exzentrischsten Genies des 19. Jahrhunderts: Franz Liszt. In Ken Russells filmisch schriller Biografierhapsodie von 1975 spielte passenderweise Roger Daltry von „The Who“ Liszt als Elton John seiner Zeit. Das war wohl das letzte Mal, dass ein längst auf den Marmorsockel gestellter Komponist so breitenwirksam hip war. Diesen Oktober jährt sich sein Geburtstag zum 200. Mal. Liszt, eine konsequent egomane Persönlichkeit, der Klavierexzentriker, der Komponist, der nur sich selbst verpflichtet ist. Budapest, Wien, Paris, Berlin, London, St. Petersburg, Kiew, Konstantinopel, Genf, Rom sind Karriereschauplätze – mondäner geht es nicht. Ein rastloses Leben als Superstar und Musikidol des 19. Jahrhunderts, das größte in der Musik der Zeit neben dem Teufelsgeiger Paganini, von dem er sich einiges für die eigene Inszenierung abgeschaut hat.
Kellersmann/UhdeGern würde die Klassik wieder diese Popularitätsgipfel erreichen. Immerhin, eben hat sie in London einen Wirbelwind entfacht. Mit einer Oper über die Trash-Ikone Anna Nicole Smith, uraufgeführt am Royal Opera House. Hohes C und Körbchengröße Doppel-D, Drogen, Blowjobs, Gummibusen, Sehnsucht und Silikon. Die Medien kochten, alle Vorstellungen waren ausverkauft. Selten gibt man sich im Elfenbeinturm der Töne so populistisch. Denn man sucht ja die ewigen Werte, nicht die Tagesaktualität. Meist mummelt man sich deshalb ein, oder versucht durch glitzernde Verpackung wett zu machen, was an neuen Inhalten fehlt. Die Klangrevoluzzer von einst, die nie wirklich mehrheitsfähig waren, sind heute gütige alte Männer. Der 85-jährige Pierre Boulez will schon lange keine Opernhäuser mehr in die Luft sprengen. Der längst sanftmütig klingende Wolfgang Rihm hat es sich zwischen Rotwein und altgriechischen Mythen bequem gemacht. Selbst die jungen unter den arrivierten Tonschöpfern erfüllen eine Rolle – wie etwa der kosmopolitische Thomas Adйs, die feministisch-zerzauselte Alpenfee Olga Neuwirth, oder der klarinettespielende, stets freundlich in jedes Auftragsschema sich fügende Jörg Widmann.
Das Klassikpublikum wird älter, einerseits. Die schleichende Unbildung infolge der alles Kulturelle reduzierenden Lehrpläne und einer mit Pop sozialisierten Eltern- und Großelterngeneration fordert ihren Tribut. Andererseits werden nach wie vor Philharmonien als Prestigeobjekte neuer Bürgerlichkeit erbaut. Längst ist die Klassik eventtauglich geworden, nicht nur bei den Open Air Konzerten in der Waldbühne, sei es mit ­Netrebko, sei es mit den Berliner Philharmonikern, die längst auch per Internet in ihrer Digital Concert Hall zu hören und sehen sind. Wenn die Staatsoper zum Public Viewing auf dem Bebelplatz und der Live-Übertragung einer Opernaufführung bei freiem Eintritt einlädt, drängeln sich 20?000 Barenboim-Fans zum Klassik-Picknick unter den Linden. Bei den Bayreuther Festspielen ist es ähnlich, wenn – umsonst und draußen – alle die mit einer Übertragung abgespeist werden, die wieder keine Karte bekamen. Die Klassik-Branche sucht nach neuen Vermittlungsformen – und nach einem neuen, gerne jugendlichen Publikum. Orchester laden zu Casual Concerts, die Deutsche Grammophon schickt ihre Klassik-Stars in die Clubs, Klassikevents in Szene-Locations wie dem Berghain sind beliebt und prestigeträchtig, das Radialsystem erfindet permanent neue Konzertformate und Carl Graig, Moritz von Oswald oder Jimi Tenor remixen, was das Archiv der Deutschen Grammophon an Klassik-Aufnahmen hergibt. Wer Mahler recomposed anbietet, schlägt so vielleicht wirklich eine Brücke vom elektronischen Ambient-Sound zur akustischen Vollfettstufe, wo Loops echten Variationen und harmonischen Entwicklungen weichen.

Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 07/11 auf den Seiten 37 – 41.

Lesen Sie hier: Die neuen Berliner Klassikstars im Porträt

Text: Manuel Brug

Foto oben: Harry Schnitger/tip

Unser Gastautor Manuel Brug ist Redakteur der „Welt“ und einer der renommiertesten Musikkritiker Deutschlands.

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