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Bestellbetrug im Internet

Bestellbetrug im Internet
Foto: aboikis / Fotolia

Einmal waren es gar fünf Päckchen. An einem Tag. Normalerweise sieht man dem rot-gelben DHL-Transporter mit froher Erwartung entgegen. Heike Becker* nicht. Fünf Päckchen an ihre Adresse. Für einen Herrn Eberhard Becker. Heike Becker kennt aber keinen Eberhard Becker. Schon gar nicht einen, mit dem sie zusammenwohnen würde.

Der Eberhard Becker geht jedenfalls gern online shoppen. So viel ist sicher. Heike Becker hingegen ist erst mal bedient. „Wie dreist ist das denn? Da hat sich jemand einen Ehemann für mich ausgedacht.“

Bei den Behörden heißt die Masche Bestellbetrug. Das Prinzip: Täter kaufen sich im Internet teure Ware auf Rechnung, kapern eine existierende Adresse, versuchen, irgendwie an den Abholzettel zu kommen. Bei Heike Becker wurde zum Beispiel regelmäßig der Briefkasten aufgebrochen. „Und dabei wohne ich im zweiten Hinterhof“, sagt sie. „Da gehört ganz schön kriminelle Energie dazu.“

Eine andere Variante ist noch perfider: der Kuckucks-Briefkasten. Der Betrüger bringt kurzerhand einen eigenen Briefkasten mit dem Namen des gefälschten Empfängers im Hausflur an und schaut regelmäßig vorbei, um die Benachrichtigungs­zettel abzugreifen.

Zwar gibt es bei der Polizei keine Zahlen zum Umfang des Bestellbetrugs. Doch dem Thema wird derart viel Beachtung geschenkt, dass aktuell sogar eine Aufklärungskampagne zum Bestellbetrug läuft. „Helfen Sie Ihrem Nachbarn, aber nicht dem Betrüger“, steht fett auf einem Aushang, den Betroffene im Treppenhaus anbringen sollen.

Dass Heike Becker überhaupt Pakete bekam, war dabei gar nicht vorgesehen. Nachbarn hatten in ihrer Abwesenheit eines davon angenommen und sich geweigert, es dem angeblichen Empfänger auszuhändigen – weil dieser sich nicht als Eberhard Becker ausweisen konnte. Zurück blieb das Paket: eine riesige Warensendung teuerster Jack-Wolfskin-Outdoor-Ware.

Auch die 23-jährige Simone Kaul* erzählt, dass bei ihr im Wedding mal an einen anderen Vornamen adressierte Pakete von Nachbarn angenommen wurden. „Als die mir das erzählt haben, hatte ich zunächst lange recherchiert, ob es diese andere Person wirklich gibt“, sagt sie. „Ich dachte, ich habe da jetzt ein Paket von einer anderen Person, und die Arme wartet auf ihren Einkauf, der falsch zugestellt wurde.“ Dann aber erzählte ihr ein Bekannter von der Bestellbetrugsmasche. Darauf warnte Simone Kaul alle Nachbarn, Pakete nur noch mit Vorsicht herauszugeben. Seitdem haben die Falschbestellungen im Haus nachgelassen.

Auch die Polizei rät, ohne Vorzeigen des Personal­ausweises sollte man lieber kein Paket herausgeben, auch im Eigen­interesse: „Für etwaige zivilrechtliche Ansprüche des Warenversenders sind Sie der letzte namentlich bekannte und nachvollziehbare Empfänger des Pakets“, heißt es auf ihrer Internetseite zum Bestellbetrug.
Viele Betrugsopfer erfahren oft erst davon, wenn die Rechungen eintrudeln. Auch Heike Becker bekam viele Rechnungen, dann auch Mahnungen. Aber: „Ich konnte ja eigentlich nicht belangt werden, schließlich heiße ich nicht Eberhard“, sagt sie. Doch um sicherzugehen, hat sie jede Rechnung und jede Mahnung mit dem Vermerk „Empfänger unbekannt“ wieder zurückgeschickt, teilweise auch die Servicehotlines angerufen.

Die Online-Händler wissen natürlich um das Problem. „Wir nutzen verschiedene Prüfungen, um Fake-Accounts zu identifizieren„, erklärt beispielsweise Pit Rauert von der Presseabteilung von Jack Wolfskin. Und Boris Radke von Zalando sagt: „Wir haben klare Mechanismen, die beispielsweise die Glaubwürdigkeit von E-Mail-Adressen feststellen, und Algorithmen, mit denen wir falsche Accounts gut identifizieren können.“
Konkreter will sich niemand äußern. Einerseits, damit Betrüger nicht die Wirkungsweise der Sicherheitsmechanismen kennen. Andererseits, weil sich Fake-Accounts wohl eben doch nicht ganz ausschließen lassen.
Der nicht existierende Ehemann von Heike Becker erhält jedenfalls mittlerweile keine Päckchen mehr. Dafür gäbe es ein paar Häuser weiter jetzt ein Problem mit aufgebrochenen Briefkästen, erzählt sie. Heike Becker hat die Hausbewohner schon auf den Warnaushang der Berliner Polizei aufmerksam gemacht.

* Die Namen aller Betroffenen sind geändert

Infos bei der ­Polizei: Die Aufklärungs­kampagne der Berliner Polizei mit einem ?Aushang zum Selberdrucken in deutscher und türkischer Sprache.

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