Kunstkritik

Big Mac am Kreuz

Shocking! Der me Collectors Room lädt zur kleinen Horror-Show. Mit dabei: Die krawalligen Brit-Art-Veteranen Jake & Dinos Chapman sowie Lokalmatador Jonas Burgert

Jake & Dinos Chapman, Sex I, 2003 Foto: Courtesy Jake & Dinos Chapman & Blain/Southern

„Das kann natürlich auch an Blasphemie erinnern…“ – mit diesen Worten moderierte Kunstsammler Thomas Olbricht eines der vielen beeindruckenden Werke der Ausstellung „BEYOND“ in seinem me Collectors Room an, die noch bis weit in den August antritt, die Grenzen des guten Geschmacks hart zu testen. Und das nicht nur, weil sich der irgendwo zwischen Picasso und Don Martin („MAD“-Magazin) operierende US-amerikanische Künstler George Condo mit gleich drei bitterbösen Gekreuzigten vertreten ist. Auch die auf Krawall gebürsteten britischen Brüder Jake und Dinos Chapman lassen es krachen: Gleich im ersten Raum der weitestgehend sehenswerten kleinen Horrorschau begrüßen den Besucher Plastiken, die es ebenfalls in sich haben: Zwei aus der TV-Werbung für einen Fastfood-Giganten bekannte Gestalten und ein Big Mac am Kreuz als „Unheilige McDreifaltigkeit“ (2003) muss man erst einmal verdauen. 

Ohnehin machen es einem die Chapmans nicht leicht: Was ist nun schrecklicher – die Schrecken des Krieges, Francisco de Goyas 80 Radierungen zum Thema „Schrecken des Krieges“ von 1810, die 80 Radierungen der Chapman-Brüder zum selben Thema aus dem Jahr 1999 oder vielleicht doch die raumgreifende Bronze „Sex 1“ (2003), die eine Goya-Radierung zur Grundlage, aber noch viel mehr Maden anzubieten hat? All dies sind Fragen für Erwachsene, die eigenständig zu beantworten auch für abgebrühte Vielseher eine Herausforderung bleibt.

Im Vergleich dazu nahezu verführerisch muten auf den ersten Blick die Werke des inzwischen international renommierten Berliner Künstlers Jonas Burgert an, der mit insgesamt zehn Arbeiten, darunter zwei Skulpturen, souverän den Main Floor rockt.

Schließlich ist der Mann ein wahrer Virtuose der Palette, der das Großformat als sportliche Herausforderung betrachtet. Doch Obacht: Jonas Burgert nutzt den „wunderschönen Betrug“ der Malerei, um durch Versuch und Irrtum die Basis der menschlichen Existenz künstlerisch zu ergründen, ohne dabei auf eine letztgültige Wahrheit zu verweisen. Stattdessen lädt er den Betrachter ein, herauszufinden, was genau nicht stimmt – und warum. Dass sich jene letzten Fragen auch mit den kühlen Mitteln von Konzept-und Installationskunst adressieren lassen, beweisen dazu der Belgier Kris Martin und das deutsche Künstlerinnenduo FORT. Letzteres erschafft mit scheinbar alltäglichen Materialien unheimliche, in ihrer Spannung an Filme von David Lynch erinnernde Räume, während ersterer mit Vorliebe das Material Gold befragt. So erinnert sein massivgoldener Trichter (2005) zwar an das aus der niederländischen Malerei des Mittelalters bekannte Symbol für den Idioten, könnte aber auch die Krone eines tumben Potentaten sein. 

Bleiben übrig: Die Videos des angesagten schwedischen Künstlerduos Nathalie Djurberg & Hans Berg, von denen sich nicht sagen lässt, was sie in der Nachbarschaft Goyas zu suchen haben. Sie wirken, als hätte jemand im heimischen Meth-Labor versucht, mit unzureichenden Kenntnissen den osteuropäischen Animationsfilm zu synthetisieren. Resultat: Eher Geschmackssache.

Beyond, me Collectors Room, Auguststr. 68, Mitte, bis 18.8., Mi–Mo 12–18 Uhr, 8/erm. 4 €, me-berlin.com

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