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Biomüll

Berlins Bio-Kreislauf: Alles für die Tonne

Jedes Haus in Berlin muss ab dem 1. April 2019 Biomüll in einer Extratonne sammeln. Doch was genau passiert mit dem Inhalt? Unser Autor ist dem Fäulnisduft des Abfalls gefolgt

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Maria Müller steht in ihrem Kleingarten in Charlottenburg und türmt welke Blätter und Unkraut zu einem Haufen auf. Es ist einer dieser warmen Sommertage, auf ihrer Stirn läuft Schweiß. Dann karrt sie die Pflanzenreste zum Komposthaufen, wirft sie oben drauf. Unten kann sie sich bei Bedarf frische Erde rausnehmen, auf der sie wiederum neue Pflanzen ziehen kann. Es ist sozusagen ein perfekter kleiner Kreislauf.

Berlins rot-rot-grüner Senat versucht sich jetzt an etwas Ähnlichem in groß. Ab 1. April 2019 wird die Biotonne in jedem Berliner Haushalt zur Pflicht. Was darin an Essensresten und anderem Biomaterial landet, soll zu Biogas und Pflanzendünger verarbeitet werden.

Berlin ist dabei ein Nachzügler. Seit 2015 gilt deutschlandweit das Kreislaufwirtschaftsgesetz, welches unter anderem vorschreibt, dass Biomüll getrennt gesammelt werden muss. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) sagt: „Seit 20 Jahren diskutieren wir in Berlin die getrennte Biosammlung. Jetzt bringen wir das Thema voran.“ Mit dem Koalitionsvertrag hat sich der Senat das Ziel „Zero Waste“ gegeben. Jeglicher Müll soll verwertet werden. Die Abfallwirtschaft als ein moderner Kreislauf.

Mit einer konsequenten Nutzung der Biomülltonnen könnten die Berliner laut Umweltverwaltung das jährliche Restmüllaufkommen um 50.000 Tonnen reduzieren. 11.000 Tonnen CO2 würden laut Senat eingespart. Aber wie funktioniert das eigentlich? Wir sind den Tonnen mit dem braunen Deckel gefolgt. Bis nach Ruhleben.

Ihr Weg beginnt an der Hand eines Profis in Orange. Tür auf, Tonne raus, in die Kippvorrichtung des Müllwagens einhängen, in den orangenefarbenen Truck kippen lassen, zurück ins Müllhaus. Am Ende der Tour entlang Berlins Türen geht es nach Ruhleben. Dort steht Berlins einzige Vergärungsanlage.

Ein Montagmittag in Ruhleben. Es riecht unangenehm. Nach Gärung und Verderben. Ein Müllwagen kippt einen riesigen Haufen Biomüll in eine große, betongraue Halle. 60.000 Tonnen kann die Anlage im Jahr verwerten. Um für die flächendeckende Einführung der Biotonne gerüstet zu sein, hat die BSR im August dazu die Kompostierungs- und Vergärungsanlage im brandenburgischen Hennickendorf übernommen. So können jährlich zusätzlich 87.600 Tonnen an Biomüll verwertet werden. Die Kapazität der beiden Anlagen umfasst zusammen mehr als 150.000 Tonnen. Das Biomüllaufkommen wird nach dem 1. April auf 130.000 Tonnen im Jahr geschätzt.

Der Haufen, der da gerade in die Anlage in Ruhleben gekippt wurde, besteht aus vergammeltem Essen und vor sich hin rottenden Gartenabfällen. Aber nicht nur. Ein Arbeiter fischt den Standfuß eines Baustellenschildes heraus. Auch einige Plastiksäcke sind zu sehen.

Vor dem Haufen steht Thomas Rücker, Leiter der Anlage, er trägt eine modische Brille, die orangefarbene Sicherheitsweste sitzt locker über seinem weißen Hemd. Er sagt: „Wenn man ein tonnengroßes Stück Baumstamm im Müll hat, kann man sich schon mal darauf einstellen, dass die restlichen Teile des Baumes auch noch kommen.“ Holz vergärt aber nicht und wird deshalb verbrannt.

Zu stark fehlbefüllte Tonnen (das heißt, es ist zu viel Plastik oder anderer Störstoff im Biomüll) werden ebenfalls wie Restmüll behandelt und in das Müllheizkraftwerk Ruhleben gebracht. Sind bei einer Mülltour zu viele Tonnen falsch befüllt, wird der gesamte Wageninhalt verbrannt. Der „Störstoffe“ genannte Beifang ist ein echtes Problem.

Ob der Müll korrekt getrennt wird, „das überprüft keiner“ schreibt die BSR-Pressestelle auf tip-Anfrage. „Wer trennen möchte, trennt und wer nicht trennen möchte, lässt es.“ Das einzige Werkzeug der Stadtreinigung, um die Bürger zur korrekten Entsorgung zu animieren, sind Werbekampagnen. „Wir analysieren den Hausmüll regelmäßig und können so feststellen, ob sich das Trennverhalten verändert hat. Je nachdem, was sich verändert hat, können wir in den Kampagnen dann die Schwerpunkte entsprechend setzen und bestimmte Themen fokussieren“, heißt es weiter.

Maria Müller, die Kleingärtnerin, die ihre Küchenabfälle zu ihrer Parzelle transportiert, um sie dort im eigenen Komposter zu verwertet, zweifelt an der Zwangsbiotonne. „Darauf zu setzen, dass in Berlin freiwillig korrekt getrennt wird, halte ich für problematisch. In der braunen Tonne bei unserem Miethaus sind jedenfalls immer jede Menge Plastik, Alufolie oder leere Flaschen drin.“

In der Politik ist man unsicher, wie man die Pflicht-Biotonne den Bürgern schmackhaft machen könnte. Um einen Anreiz zu schaffen, wird sie gebührenfrei bereitgestellt, die zusätzlichen Kosten sollen durch ein neues Tarifmodell gedeckt werden. Die Müllabfuhrgebühren der anderen Tonnen werden dabei leicht steigen. „Wir erwarten einen zweistelligen Cent-Betrag pro Monat und Haushalt“, sagt Wirtschaftssenatorin Ramona Pop.

Die BSR ist allerdings nicht glücklich mit dieser Vorgehensweise – zu hoch sei das Risiko, dass dadurch Menschen auf die Idee kommen könnten, die kostenlose Tonne für jegliche Müllarten zu nutzen, um den Füllstand der kostenpflichtigen Tonnen so gering wie möglich zu halten.

Die Störmaterialquote, also der Anteil der Materialien, die nicht in die Biotonne gehören, liegt zur Zeit bei vier Prozent. Zum Vergleich: Etwa 40 Prozent des Restmülls bestehen aus organischem Abfall, auch in der Wertstofftonne liegt der Anteil an Fehlwürfen bei rund 40 Prozent. Die niedrige Quote bei der Biotonne kommt wohl auch daher, dass die getrennte Sammlung von Biomüll bislang freiwillig war und somit zum Großteil von Bürgern praktiziert wurde, die ohnehin auf saubere Trennung Wert legen. Mit der Pflicht-Biotonne könnte sich dies ändern.

„Es liegt natürlich auch in der Hand der Berlinerinnen und Berliner, die Biotonne zu nutzen und nur das hinein zu werfen, was auch hinein gehört“, sagt Senatorin Pop. Die Umweltschutzorganisation BUND fordert, die Bürger frühzeitig und konsequent über das richtige Trennen aufzuklären. Neben entsprechenden Informationskampagnen, die bereits laufen, sollte vor allem auch direkt an den Biotonnen leicht verständlich kommuniziert werden, was dort hinein gehört und was nicht.

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Die BSR kann laut eigenen Angaben 70 bis 80 Prozent der so genannten Störmaterialien herausfiltern. In der Anlage in Ruhleben sieht man, wie das funktioniert. Dort läuft der Müll auf einem Band zunächst an einem Magneten vorbei, der die Metallteile herausziehen soll, anschließend fällt er in eine große Siebtrommel, durch die großflächige Materialien wie Plastiksäcke aussortiert werden. Was zu groß ist, wird umgeleitet, zerkleinert und landet wieder in der Siebtrommel.

Die nun zerkleinerte Masse wird mit einer Stopfschnecke, einer durch eine Röhre rotierenden Spirale, in den Fermenter gedrängt: eine lange, luftdicht verschlossene Halle, in der bei ständigem Rühren Biogas gewonnen wird. Hier herrschen 53 Grad Celsius, es ist die ideale Temperatur für die Bakterien, die die Suppe in ihre Einzelteile – wie Kohlenhydrate und Fettsäuren – zerlegen, bevor diese zu Säuren verstoffwechselt werden. Daraus entsteht Methan, das zusammen mit Kohlendioxid zu Biogas weiterverarbeitet wird.

5,5 Millionen Kubikmeter Biogas werden in der Anlage in Ruhleben pro Jahr gewonnen. 150 Müllsammelfahrzeuge betreibt die BSR damit, wodurch jährlich 2,5 Millionen Liter Diesel ersetzt und rund 60 Prozent aller Berliner Haushaltsabfälle klimaneutral eingesammelt werden können. Mit der Pflicht-Biotonne wird die Fahrzeugflotte der BSR um 20 zusätzliche biogasbetriebene Fahrzeuge erweitert.

Der Vergärungsprozess dauert etwa 21 Tage. Übrig bleiben die Gärreste, die in der hinter dem Fermenter liegenden Halle zwischengelagert werden. Die Luft darin ist übel. Beim Einatmen zieht sich alles zusammen, es brennt in der Nase, die Augen tränen. Die trockene Masse sieht mit ihrer dunklen, fast schwarzen Farbe aus wie Erde. Sie wird aufbereitet und in der Landwirtschaft und im Gartenbau als Dünger verwendet.

Maria Müllers Eigenproduktion an Dünger reicht für ihre beiden Hochbeete nicht aus. Deshalb nimmt sie für ihren Komposthaufen schon mal BSR-Laubsäcke mit, die ihre Nachbarn mit ihrem Gartenabfall an der Straße abgestellt haben. Die BSR bietet Säcke mit 25 Kilogramm Fassungsvermögen für 4 Euro an. „Manchmal finde ich Teile aus Plastik oder Metalldrähte darin, das irritiert schon ein bisschen”, sagt sie. Manche Hobbygärtner entledigen nicht nur Gartenabfälle, sondern auch die Reste von Gartenpartys, etwa Einweggeschirr, in den BSR-Laubsäcken.

Laut der Umweltorganisation BUND ist es nicht bewiesen, inwiefern sich Mikroplastik in der Erde auf unsere Lebensmittel auswirkt. Doch die Vermutung liege nahe, dass langlebige synthetische Stoffe in der Umwelt problematisch sein könnten. Je nachdem, um was für einen Kunststoff es sich handelt, sei es wahrscheinlich, dass durch den Verfallsprozess entstehende Abbauprodukte auch von den Pflanzen aufgenommen werden.

Desweiteren könnten zusätzliche Schadstoffe wie Pestizide an den Kleinstteilchen haften, die ebenfalls in die Erde gelangen. Die BSR hält den Anteil der Plastikpartikel im Kompost für unbedenklich. „Die Gärreste bzw. der daraus hergestellte Kompost der BSR unterliegen den Regularien der Bundesgütegemeinschaft und werden monatlich analysiert“, schreibt sie.

Trotz der vereinzelten Funde von Störstoffen baut Maria Müller in ihrem Kleingarten ohne schlechtes Gewissen auch Essbares in dem BSR-Kompost an. „Das Plastik, was ich beim Gärtnern sehe, sortiere ich aus – aber ansonsten esse ich meine Tomaten, die in dem Kompost wachsen, ohne Bedenken“, sagt sie.

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