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Reisetipp

Boom-City des Ostens: Warschau

Warschau gehört zu den aufregendsten Metropolen Europas. Trotz akuter politischer Widrigkeiten boomen Wirtschaft und ­Kultur. Und das Leben an der Weichsel vibriert

Warschau
Foto: cwarsawtour.pl/ archiwum Warszawskiej Organizacji Turystycznej

Eine leerstehende Schule in der Nähe des Kulturpalastes, Stalins bombastischer Zuckerbäckerbau, der zu Warschaus Symbol wurde, verwandelt sich nachts in einen Technoclub. Drumherum ragen gewaltige Glastürme in den Himmel empor, hier und da stehen hässliche Apartmentblocks aus den 90er-Jahren herum und dazwischen versprengt einige Häuser, die die massiven Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs überdauert haben. Warschau ist eine Stadt voller Narben, durchkreuzt von gewaltigen Magistralen. Mittendrin die wieder aufgebaute Altstadt und an den Rändern blühen Plattenbausiedlungen. Ein stadtplanerisches Chaos.
Man muss sich Warschau erarbeiten.  Wenn man es schafft, wird man umso reichlicher belohnt. Es ist ein wenig wie mit Berlin, die heimelig-historische Idylle von Krakau oder Breslau, Paris oder Wien gibt es hier nicht. Dafür ein gewaltiges Wandbild von David Bowie, das an jene Stunden erinnert, die Bowie in den 1970er-Jahren auf dem Weg von Berlin nach Moskau in Warschau verbracht hat und daraufhin für sein Album „Low“ den Song „Warszawa“ schrieb. Und es gibt die Plastikpalme der Künstlerin Joanna Rajkowska mitten auf der Aleja Jerozolimska, der Jerusalemer Allee. Sie erinnert an die Warschauer Juden, die vor 1945 mehr als ein Drittel der Bewohner Warschaus ausmachten und nahezu vollständig von den Nazis ausgelöscht wurden.
Auch Polin, das vor kurzem eröffnete Museum der Geschichte der polnischen Juden, setzt sich auf beeindruckende Art und Weise mit diesem Erbe auseinander. Gerade wurde der spektakuläre Bau zum besten Museum der Welt erkoren.
Und auch in der sich gut entwickelnden Gastroszene, immerhin wurden mit dem Senses und dem Atelier Amaro kürzlich zwei Restaurants mit dem Michelin Stern ausgezeichnet, finden sich Bezüge zur jüdischen Küche. Das Menora am Plac Grzybowski etwa vereint polnische Tradition mit jiddischen Rezepten zu einer neuartigen Fusion.
Auch die Wirtschaft boomt. Google baut auf dem Gelände einer alten Destilliere in dem einst heruntergekommenen Bezirk Praga seinen Campus aus, einem von nur zwei in Europa. Daneben entsteht das gewaltige Wohn- und Business-Areal Konoser. Praga ist das Williamsburg Warschaus, doch „Gentrifizierung“ wird hier noch „Revitalisierung“ genannt, und so falsch ist das nicht. Große Teile der Stadt wurden im Sozialismus sich selbst überlassen, das ändert sich nun rasant.
Solche Entwicklungen werden in der rührigen Kunst-  und Theaterszene diskutiert und reflekiert, im Zentrum für zeitgenössische Kunst Zamek Ujazdwoski oder im gerade sanierten Teatr Nowy, wo der auch in Berlin gut bekannte Regisseur Krzysztof Warlikowski das Programm gestaltet.
Warschau vibriert, ist modern, eigensinnig und weist einen Weg aus der eigenen komplizierten Vergangenheit in eine optimistische Zukunft. Wäre nicht die PiS-Regierung am Drücker, die auch die liberalen Künstler ins Visier genommen hat, man könnte von einem Glücksmoment für die Stadt sprechen. Noch leisten die Kulturinstitutionen, unterstützt von der Stadtpolitik, Widerstand. Dennoch sollte man möglichst bald mal hinfahren, nicht weil es sonst zu spät sein könnte – Pessimismus ist nicht angebracht – aber um Präsenz zu zeigen und die Schwingungen aufzunehmen.

Warschau

Entfernung: 574 km. Hinkommen: Zug oder Auto. Kategorie: Langes Wochenende. Beste Reisezeit: ganzjährig. Weitere Infos und Tipps: www.warschau.info

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